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Buchstabensuppe – Blog der Stadtbüchereien Düsseldorf

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„Fack ju Gutenberck“

Fack ju #Gutenberck – Farinas Geschichte

CovermitTitelJoshua taucht

Mein Name ist Joshua Wilson, und ich weiß, dass keiner von euch gerne mit mir tauschen würde.

Ich muss zugeben, dass es besser laufen könnte. Aber habt ihr schon mal versucht, den Ozean zu durchschwimmen, während um euch herum vier Meter hohe Wellen toben?

Der Himmel ist heute grau wie Zement.

Beim Frühstück überlege ich die ganze Zeit, ob ich schwänzen und Videospiele spielen oder zur Schule gehen soll. Als hätte meine Mutter so eine Art siebten Sinn für ihren Sohn, fragt sie mich, ob sie mich nicht im Auto mitnehmen könnte. „Es liegt ohnehin auf meinem Weg.“

Sie klingt optimistisch, aber ich kenne sie zu gut, um die Verzweiflung darin zu überhören.

„Danke, Mom. Das wäre echt cool.“

Natürlich ist es alles andere als cool, in der zwölften Klasse noch zur Schule gefahren zu werden, aber ich will sie nicht im Stich lassen. Sie versucht noch immer, mir zu helfen. Prompt fühle ich mich schlecht bei dem Gedanken daran, ihr Gesicht zu sehen, wenn sie erfährt, dass ich vorhabe blauzumachen. Doch mein schlechtes Gewissen kann nicht schlimmer sein als das, was mich in der Schule erwartet.

Die Highschool, die ich besuche, ist ein hässliches Backsteingebäude, welches mich eher an ein Gefängnis als an eine Bildungsstätte erinnert. In gewisser Weise ist es auch so – ich bin der Häftling, der von allen anderen Insassen terrorisiert wird. Wollt ihr wissen, wie oft man mir meine Sportsachen aus dem Spind geklaut hat? Wie oft ich am Tag in den Gängen angerempelt und geschubst werde, sodass mir meine Sachen auf den Boden fallen? Wie viele Beleidigungen mir an den Kopf geworfen werden, wenn ich in der Cafeteria zu Mittag esse? Wie oft man mich schon verprügelt hat?

Nein, das wollt ihr nicht. Wirklich nicht.

Angefangen hat alles an dem Tag, als Rebecca Prince mir vor einer wichtigen Kursarbeit zugeflüstert hat, ich dürfte bei ihr abschreiben. Damals war ich vierzehn und fuhr total auf sie ab. Sie hatte langes rotes Haar und hellblaue Augen, und sobald sie mich auch nur ansah, begann in meinem Kopf immer wieder der gleiche Film abzulaufen, in dem sie die Hauptrolle innehatte und nicht ganz jugendfreie Dinge mit mir anstellte.

Aber sie blieb unerreichbar. Ich glaube, sie wusste nicht einmal meinen Namen. Zumindest nicht bis zu dem Moment, als sie sich auf ihrem Stuhl zurücklehnte und sich dabei wie beiläufig an meinem Tisch abstützte. Meine Hände begannen vor Aufregung augenblicklich zu schwitzen.

„Du heißt doch John, oder?“, fragte sie plötzlich, den Kopf in meine Richtung drehend.

„Joshua“, brachte ich heiser hervor. Ich hielt still wie ein verängstigtes Kaninchen, das von einer Schlange fixiert wurde und gleich gefressen werden würde. Irgendwo in meinem Kopf schrillten die Alarmglocken. Rebecca redete mit mir!

Sie sah mich prüfend an.

„Bist du gut in Mathe, Joshua?“

Ich wünschte, ich hätte Ja sagen können. Dabei wusste so ziemlich jeder, dass ich einer der Schlechtesten im ganzen Kurs war.

„Ich bin eher mittelmäßig“, log ich mit ausgetrocknetem Mund. Mein Gesicht wurde glühend heiß und vermutlich so dunkelrot wie der Wein, den meine Mutter jedes Wochenende trank.

„Das macht nichts.“ Rebecca lächelte zuckersüß. „Ich kann dir helfen.“

Helfen?, dachte ich verwirrt. Wobei?

„Die Klausur. Dritte Stunde, Joshua.“ Sie betrachtete mich aus ihren unnatürlich blauen Augen, als wollte sie Löcher in mein Gesicht starren. Ich musste nicht lange nachdenken, um ihr eine Antwort geben zu können.

„Ja. Klingt gut.“ Ich nickte sehr langsam, darauf hoffend, dass ich nicht wie ein Vollidiot aussah, sondern sehr lässig rüberkam. In meinem Kopf herrschte das reinste Chaos. Ich konnte nicht fassen, dass jemand wie Rebecca sich dazu entschied, einem Typen wie mir zu helfen. Ich war ein totaler Nerd mit allem, was dazugehörte: Brille, unauffälligen Klamotten und bis zum Rand angefüllt mit unnötigen Fakten über alle möglichen Videospiele, die mir in meiner Schullaufbahn noch nie viel genutzt hatten.

„Na gut. Dann setzt du dich gleich neben mich, okay?“ Rebecca lächelte mich noch einmal an. Mein Herz klopfte wie wild.

„Okay.“

Zwei Jahre später weiß ich, dass es eine Wette gewesen ist. Sie und ihre Freunde wollten testen, ob ich darauf hereinfalle. Was ich natürlich getan habe. Keine zehn Minuten nach Beginn der Arbeit meldete sich Rebecca plötzlich, während ich gerade Nummer zwei von ihrem Blatt abschrieb und darauf achtete, absichtlich ein paar kleine Fehler mit einzubauen, damit auch ja niemand merken würde, dass ich abgeschrieben hatte.

„Mr. Hayes“, rief sie in die Klasse hinein, „Joshua guckt ab.“

Ich hob den Kopf. Ihre Worte brauchten ein paar Sekunden, bis sie in meinem Gehirn angekommen waren. Was soll das?, dachte ich panisch, es war doch deine Idee?!

Mr. Hayes – wie ich ihn hasse, den alten Sack – schritt gemächlich zu meinem Tisch, nahm mir meine Blätter ab und lächelte unheilverkündend. Ich warf Rebecca einen fragenden Blick zu, aber sie hatte sich schon längst wieder über ihr Blatt gebeugt. Ihr gehässiges Grinsen sah ich trotzdem noch.

Seit diesem Tag haben sie es auf mich abgesehen und lassen mich nicht mehr in Ruhe. Weil sie wissen, dass ich leichte Beute bin und dass es einmal geklappt hat. Also muss es immer klappen.

Als meine Mutter mich vor dem Schulgebäude absetzt, hat meine Laune längst einen Tiefpunkt erreicht. Wenn ich könnte, würde ich auf der Stelle kehrt machen, aber ich muss warten, bis meine Mutter wegfährt.

„Viel Erfolg!“, ruft sie noch, und ich murmele ein leises „Nicht nötig“, bevor ich mich umdrehe und so tue, als würde ich auf den Eingang zugehen. Ich mache ein paar schlurfende Schritte geradeaus und lausche auf das Geräusch des Motors, welches langsam verschwindet. Erst, als ich nichts mehr höre, wage ich es, vom Tor wegzutreten. Ich gehe in meinem Kopf die Möglichkeiten durch, die sich mir bieten. Ich könnte nach Hause gehen, aber meine Mutter käme in einigen Stunden schon wieder von der Arbeit zurück, und das würde sich nicht lohnen. Ins Einkaufszentrum kann ich auch nicht gehen. Erst gestern wurde mir mein Taschengeld aus dem Portemonnaie gestohlen, während ich auf der Toilette war.

Der See, schießt es mir durch den Kopf. Keiner wird dich finden, wenn du zum See gehst.

Der See liegt irgendwo weiter nördlich von meiner Schule und ist von kleinen Bäumen und hohem Gras umgeben, was es schwer macht, jemanden zu finden. Außerdem gibt es ein schmales Stück Sand. Manchmal spielen die kleinen Kinder aus der Nachbarschaft dort mit ihrem Ball.

Ich werfe einen kurzen Blick auf meine Armbanduhr. Kurz nach acht. Ich wäre sowieso zu spät zum Unterricht gekommen.

Nach fünf Minuten Fußmarsch kann ich in unmittelbarer Nähe die spiegelglatte Oberfläche des Wassers erkennen. Ich laufe schneller, weil meine Füße ein wenig schmerzen und ich angefangen habe zu schwitzen. Die Sonne steht noch nicht hoch am Himmel, aber heiß ist es trotzdem. Erleichtert stapfe ich durch die hohen Sträucher und Gräser auf das Wasser zu, das verlockend glitzert.

Ich entscheide mich dazu, den schweren Rucksack abzulegen, meine Schuhe und Socken auszuziehen und mit den Füßen ins knöcheltiefe Wasser zu gehen. Die Hitze wird langsam immer drückender.

Mit nackten Füßen laufe ich vorsichtig auf dem Sand entlang zum Wasser. Es dauert ein wenig, bis ich mich an die deutlich kühlere Temperatur gewöhnt habe, aber dann wird es angenehm. Ich kicke ein paar Kieselsteine umher, die das Wasser spritzen lassen und um die sich für ein paar Sekunden konzentrische Ringe bilden, sobald sie wieder untergehen.

Es vergehen etwa fünfzehn Minuten, bevor ich die Stimmen höre. Lautes Gelächter, das immer deutlicher wird. Ich erstarre zur Salzsäule. Wer könnte um diese Uhrzeit hierhin kommen? Angespannt lausche ich auf die Stimmen.

„Mensch, Kevin!“, ruft jemand. Ich versuche mich zu erinnern, ob ich jemanden namens Kevin in meinem Jahrgang habe.

„Komm, beeil dich mal.“ Eine tiefe Stimme erklingt irgendwo links von mir. Ich bleibe wie angewurzelt stehen und rühre mich erst, als es schon zu spät ist.

„Hey, guck mal, wer hier ist!“, ruft jemand triumphierend, und ich weiß auch so, dass es sich nur um Andrew Webster handeln kann, denn seine Stimme hat diesen bescheuerten heiseren Klang, sobald er lauter wird. Er ist ungefähr so intelligent wie ein Stein.

Andrew ist nicht alleine, als er hinter einem dicht gewachsenen Strauch hervortritt. Er hat Kevin mitgebracht, und zu meinem Entsetzen muss ich feststellen, dass ich ihn kenne. Der Junge, der mich mit zusammengekniffenen Augen ansieht, hat mich noch vor vier Wochen verprügelt, weil ich an meinen Spind wollte, der sich direkt neben seinem befindet. Ich habe ihn aus Versehen mit meinem Rucksack angerempelt, und ganz offensichtlich dachte er, ich wollte ihn provozieren. Oder vielleicht hat er auch nur einen Grund gesucht, eine Schlägerei anzuzetteln.

Kevin spannt seine Muskeln an. „Dich kenne ich“, sagt er langsam.

Ich erwidere nichts. Die Art, wie er spricht, verrät mir, dass er mich noch immer nicht leiden kann und keineswegs vorhat, mich einfach so davonkommen zu lassen. Ich bin geübt darin, andere Leute einzuschätzen. Aber leider bin ich nicht so geübt im Abhauen. Ich versuche, wortlos an den beiden vorbeizugehen, aber plötzlich schnellt Andrews Arm vor und packt mein Handgelenk.

„Du bist Joshua aus meinem Biokurs“, stellt Andrew fest. Ich sehe ihn nicht an. Mein Herzschlag beschleunigt sich, als ich daran denke, wie schmerzhaft meine letzte Prügelei ausgegangen ist. Ich hatte ein blaues Auge, zwei geprellte Rippen und eine aufgeplatzte Lippe. Dazu noch unzählige blaue Flecken. Nicht zu vergessen: Meine Würde, die mir irgendwann zwischen dem Schlag aufs Auge und dem Tritt in die Weichteile abhanden gekommen ist.

Eine Stimme in meinem Kopf schreit mich an. Du bist ein Versager. Du schaffst es nicht einmal, dich zu wehren!

Das stimmt. Ich bin nicht sonderlich stark, weswegen ich mich aus Prügeleien raushalten sollte, wenn ich nicht ständig herumrennen will wie ein lädierter Sandsack, auf den jeder schon mal draufgehauen hat. Was ich ohnehin tue, ob ich will oder nicht. Man wird ja nicht gefragt, ob man verhauen werden möchte oder lieber doch nicht.

„Lass mich los“, sage ich schwach. Ich weiß, dass es keinen Zweck haben wird, weil Kevin dieses breite Grinsen aufsetzt, das sie alle aufsetzen, wenn sie mich verprügeln.

„Kommt nicht in Frage. Ich war noch nicht fertig mit dir.“ Andrew hält mich noch fester, als Kevin auf mich zukommt. „Da will man rauchen gehen und findet einen Schulschwänzer. Was willst du hier, du Loser?“

„Nichts“, entgegne ich heiser. Ein Teil von mir hofft immer noch, dass ich vielleicht davonkommen kann, ohne wieder als Sandsack herhalten zu müssen.

„Ja, genau. Ich denke, du brauchst mal wieder eine Abreibung.“

Andrew muss lachen, als ich versuche, seinem Freund auszuweichen. „Guck mal, der macht sich gleich in die Hose.“ Er lacht nur noch lauter, und wenn ich könnte, würde ich ihm meine Faust ins Gesicht rammen. Kevin sieht mich lange an, bevor er etwas sagt. „Kannst du gut schwimmen, Feigling?“

Ich schweige. Was denken sie sich wohl jetzt wieder aus?

„Wenn du nicht bis zum Grund tauchst, dürfen wir dich schlagen, bis du nicht mehr weißt, wer du bist, du Idiot.“ Kevin lächelt mich beinahe freundlich an.

Ich werfe einen Blick auf das Wasser. Es sieht nicht so tief aus, soweit ich das beurteilen kann. Ich möchte nicht schon wieder, nicht zum tausendsten Mal mit Verletzungen nach Hause kommen und meiner Mutter erklären müssen, was passiert ist und warum ich so aussehe. Wenn ich es schaffe…

„Wenn du es schaffst“, spricht Kevin meine Gedanken aus, „dann darfst du gehen. Einfach so. Als wärest du uns nie begegnet.“

Ich sehe ihn an. Meint er es ernst? Das ist schon beinahe ein faires Angebot. Ich nicke. „Na gut.“

„Los.“ Andrew gibt mir einen Schubs, und ich falle beinahe hin. Es ist kalt an meinen Beinen, als ich langsam ins tiefere Wasser gehe. Nach einigen Metern geht mir das Wasser bis zur Brust. Ich versuche, meine Angst zu verbergen, als ich mich umdrehe und zum Ufer blicke, an dem Kevin und Andrew mit verschränkten Armen dastehen und mir zuschauen. Das müsste ich schaffen. Es sind allenfalls fünf Meter Tiefe. Dann hole ich tief Luft. Und tauche.

Ich sehe nichts, obwohl meine Augen weit aufgerissen sind. Es ist dunkel; schwarzes Wasser. Ich frage mich, wie ich überhaupt wissen soll, wo der Grund ist, und ob es hier sowas wie riesige Raubfische gibt. Kann ich es überhaupt schaffen?

Das Wasser schmeckt abgestanden in meinem Mund, und die Dunkelheit verwirrt mich. Ich kann noch immer nichts sehen. Vielleicht bin ich um die drei Meter getaucht, aber ich spüre noch immer nicht den Grund unter mir. Der Druck auf meine Ohren ist so unangenehm, dass es sich anfühlt, als würde mein Trommelfell jede Sekunde platzen. Nach einiger Zeit – vielleicht einer Minute – verspüre ich ein immer stärker werdendes Stechen in meiner Lunge. Ich müsste jetzt auftauchen zum Luftholen. Als die Luft immer knapper wird, ist es mir plötzlich egal, ob Kevin mich nochmal verprügelt. Ich will nur noch nach oben. Auftauchen. Atmen. Luft holen.

Mein Brustkorb schmerzt, als ich versuche, mich wieder umzudrehen und nach oben anstatt nach unten zu tauchen. An die Wasseroberfläche. Aber ich kann nichts sehen. Ich werde panisch. Ich trete wie wild mit den Beinen, um mich nach oben zu stoßen, doch da ist kein Grund, an dem ich mich kraftvoll abstoßen könnte. Stattdessen befinde ich mich irgendwo zwischen Boden und Wasseroberfläche.

Helle Punkte kreisen vor meinen Augen, und ich weiß, dass ich es nicht schaffen kann, wieder aufzutauchen, denn das letzte bisschen Luft in meinen Lungen entweicht jetzt.

Ich ertrinke.

Am Ufer des Sees warten Kevin McFuller und Andrew Webster noch immer darauf, dass Joshua Wilson auftaucht.

Erst, nachdem einige Minuten vergangen sind, wird ihnen klar, dass er dazu längst nicht mehr imstande ist.

Fack ju #Gutenberck – Leons Geschichte

CovermitTitel„Jason, komm, mach schneller, wir müssen noch Susi abholen!“, sagt Rick. Jason beeilt sich und springt auf den Truck von Rick. Sie fahren zu Susi, wo auch schon Vanessa und Mike auf sie warten. Sie steigen alle auf den Truck und fahren zu Rebekka, die ihren Geburtstag bei einem Campingausflug feiern möchte. Rick betont nochmal, dass sie aufpassen sollen, da der Truck seinem Vater gehört. Sie wussten, dass Ricks Vater bei der Bundeswehr war und hatten deswegen alle Angst vor ihm.

Nach mehreren Stunden Fahrt weiß keiner mehr genau, wo sie sich befinden. Als sie an eine Abzweigung der Straße gelangen, fahren sie den schmalen Weg hinunter, der sie in den Wald führt. Rick fährt eine Weile auf diesem Weg bis dieser mitten im Wald endet.

„So Leute, wenn das hier kein gruseliger Platz zum Campen ist, dann weiß ich auch nicht“, ruft Rick begeistert. „Nehmt eure Taschen aus dem Truck und schlagt die Zelte auf. In der Zeit mache ich das Feuer, denn bald wird es dunkel “, sagt Mike.

Jason und Rick gehen zum Truck und holen die Getränke zum Feiern von Rebekkas 18. Geburtstag. Zur selben Zeit stellt Susi lautstark an ihren neuen Boxen, die sie extra für diesen Ausflug gekauft hat, die Musik an. Sie feiern bis spät in die Nacht und schlafen erst in den frühen Morgenstunden ein.

Vanessa wacht am nächsten Morgen als Erste mit starken Kopfschmerzen auf. Sie trinkt erstmal einen Schluck Wasser und bemerkt plötzlich, dass Mike nicht da ist .Sie ruft nach ihm und geht ihn suchen, aber sie findet ihn nicht. Verzweifelt weckt sie die anderen und erzählt ihnen, dass Mike nirgends zu finden ist. Zusammen begeben sie sich auf die Suche. Dazu teilen sie sich in kleine Gruppen auf. Plötzlich hören Rick und Susi Hilfeschreie aus einer naheliegenden Höhle. Rick sagt zu Susi, dass sie die anderen holen soll. Er läuft schnell in die Richtung, aus der die Schreie kommen. Rick erkennt schon von Weitem wie Mike hilflos auf dem Boden liegt. Als er dort ankommt, findet er ihn in einer Blutpfütze vor. Er läuft zu ihm und fragt „Was ist passiert?“, doch bevor Mike antworten kann, stirbt er.

Als letztendlich die anderen auch ankommen, sehen sie ihren regungslosen Freund am Boden liegen. Susi und Vanessa können es nicht fassen und brechen in Tränen aus. Rebekka steht wie erstarrt vor ihm und gibt keinen einzigen Ton von sich. Jason und Rick wissen vor lauter Panik nicht was sie machen sollen. Rick packt den Leichnam von Mike auf seine Schultern und schreit „Zurück zum Truck, wir fahren nach Hause!“.

Am Truck angekommen bemerkt Jason, dass die Reifen durchstochen sind. Rick legt Mike auf den Boden ab. Er sagt zu den anderen „Packt eure Sachen, wir laufen zu Fuß zur Straße“. Susi und Rebekka packen alles zusammen. Rick, Jason und Vanessa überlegen, was sie mit Mike machen sollen. Jason legt eine Tüte auf den Boden und wickelt ihn damit ein. Rick packt ihn wieder auf die Schulter und ruft den anderen zu „Kommt schon, macht schneller, wir müssen jetzt los!“.

Beim Aufbruch zur Straße fängt es an zu regnen und der Weg, der sie zur Straße führt, ist nun von den Regenmassen vollkommen zerstört und nicht mehr wiederzuerkennen. Sie gehen immer weiter geradeaus und verlaufen sich. Jason schlägt vor, eine weitere Nacht im Wald zu verbringen und am nächsten Morgen weiter zu gehen.

Sie schlagen ihre Zelte wieder auf und machen ein Feuer. Zwei von ihnen sollen immer Nachtwache halten und sich alle paar Stunden abwechseln. Rick und Susi beschließen zusammen die erste Wache zu halten. Spät in der Nacht, als alle anderen bereits schlafen, wacht Rebekka auf und flüstert „Rick und Susi, geht jetzt schlafen, wir haben morgen einen langen Tag vor uns. Ich halte jetzt hier die Stellung“. Doch einige Minuten später schläft sie ein.

Am frühen Morgen wacht sie auf und läuft zum ersten Zelt um Rick und Susi zu wecken, dann geht sie zum zweiten Zelt von Jason und Vanessa, doch dort ist niemand mehr, es ist leer. Jason und Vanessa sind nun ebenso verschwunden wie der Leichnam von Mike.

Rebekka und Susi geraten in Panik, Rick versucht sie zu beruhigen, damit sie zusammen die anderen suchen können. Sie suchen sie über mehrere Stunden, doch die Suche ist vergeblich. Jason und Vanessa sind nirgends zu finden. Rick schreit: „Wir müssen zurück zum Truck, im Handschuhfach liegt eine Karte.“ Ohne zu zögern laufen Susi und Rebekka Rick hinterher. Als sie am Truck sind, holt Rick die Karte und sagt: „Mein Vater versteckt seine Gewehre hinter der Rückbank im Truck.“ Er holt drei Gewehre raus und gibt Susi und Vanessa jeweils eins. Sie schauen auf die Karte und entdecken einen Highway, der in der Nähe des Waldes liegen soll. Die Gruppe, die jetzt nur noch aus den übrigen dreien besteht, macht sich verzweifelt auf den Weg.

 

Nach mehreren Stunden, die sie mittlerweile durch den Wald gegangen sind, bemerkt Rick ein kleines abgelegenes Haus, das sich nur schwer aus der Ferne erkennen lässt. „Seht ihr das Haus dort hinten? Womöglich wohnt dort jemand, der uns weiterhelfen kann. Lasst uns dahin laufen, seid dennoch auf alles gefasst, wer weiß, was uns dort erwartet.“

Da fast schon die Abenddämmerung bevorsteht, müssen sich die Drei beeilen um anzukommen bevor es dunkel wird. Sie beginnen zu rennen vor lauter Furcht und Angst als nächstes das Opfer einer mysteriösen Mordtat zu werden. Als sie sich immer weiter dem Haus nähern bemerken sie, dass dort ein kleines Licht brennt. Es ist jedoch schwer zu erkennen, ob sich jemand im Haus befindet. Die Fenster sind mit dunklen Vorhängen abgedunkelt und es herrscht eine beunruhigende Stille vor dem Haus. Rebekka packt Susi am Arm, lässt sie vor lauter Angst beinahe gar nicht mehr los und drückt sie immer fester.

Die Drei nähern sich der Eingangstür, Rick entsichert sein Gewehr, hält es schussbereit und rückt immer langsamer die kleine Treppen hinauf. Plötzlich geht die Tür langsam auf. Rick schreit auf und schießt mehrere Male ins Leere.

Er dreht sich um, um nach Rebekka und Susi zu schauen, doch die sind plötzlich auch verschwunden.

 

Fack ju #Gutenberck – Lailas Geschichte

CovermitTitelEr kam mal wieder nicht nach Hause. Es war Dienstagabend 22 Uhr und dieser Junge dachte gar nicht daran wenigstens anzurufen. Ob er sich diese Nacht überhaupt noch hier blicken lassen wollte? Wahrscheinlich ist er auch heute nicht zur Schule gegangen. Ich hatte es aufgegeben ihn davon zu überzeugen, dass er sich doch wenigstens dreimal pro Woche dort blicken lassen sollte. Doch diesmal ging er zu weit. Mir war es inzwischen egal, ob er zwei Tage lang wegblieb nur um total verschmutzt hier aufzukreuzen, etwas zu essen und dann wieder abzuhauen. Doch für dieses Mal hatten wir vereinbart, dass er heute spätestens um 21 Uhr zuhause sein sollte, damit er seinen Vater begrüßen konnte. Mein Mann kam heute von einer zweimonatigen Geschäftsreise zurück. Er und mein Sohn sahen sich sowieso viel zu selten.

Ich lag auf dem Rücken und blickte in den Himmel. Hier in der Stadt war es sowieso zwecklos, nachts in den Himmel zu schauen. Man sah doch eh keine Sterne. 22:33 Uhr, er würde wohl bald zuhause ankommen.

Es war mir egal, er interessierte sich doch eh nicht für mich. Wenn ich ihm noch etwas bedeuten würde, wäre er öfter zuhause. Oder wenn meine Mutter ihm noch etwas bedeuten würde. Ständig wartete sie auf ihn. Und wenn er dann mal kam, für zwei Wochen oder so, dann spielte sie die glückliche Familie und tat so, als wäre alles in Ordnung. Doch das war es schon lange nicht mehr. Ja, ich hatte ihn einmal geliebt. Er war mein Vorbild, doch das war er jetzt schon lange nicht mehr.

“Hey, was ist los? Was sitzt du hier so alleine rum?“. Marc kam auf mich zu. Er war ein alter Freund. Wir kannten uns schon lange.

„Ach“, antwortete ich, „es ist nichts“.

„Nichts?“, Marc zog skeptisch eine Augenbraue hoch, „dann komm doch rüber, alle warten auf dich“. Er kannte mich zu gut.

Ich hatte jetzt keine Lust ihm von meinen Problemen zu erzählen. Aber ich sagte nichts, zu den anderen gehen zu müssen hatte ich jetzt mal so gar keinen Bock. Ich überlegte, Gefühle waren nicht so mein Ding. Ich erzählte nicht gerne etwas über mich und ich wollte auch nichts über die Gefühlswelten der anderen wissen. Ob Freunde oder Familie, es interessierte mich nicht. Es war mir viel zu anstrengend mich mit so etwas auseinanderzusetzen.

„Ja, ja, ich komme gleich“, sagte ich. Aber ich kam nicht. Ich hatte einen Plan. Heute würde sich mein Leben ändern. Ich würde entfliehen aus diesem falschen, tristen Leben indem jeder jeden anlog, um selber den besten Profit aus seiner Situation herauszuschlagen. Aber ich wollte nicht so enden. Ich wollte etwas Größeres schaffen als all diese trägen Junkies, die zahlreich in meinem Viertel abhingen.

Es tat mir Leid für meine Mutter, sie hatte immer nur das Beste für mich gewollt. Aber wenn ich hierblieb, würde ich in diesem Alltag zerfließen. Ich würde, wenn ich meine Schule geschafft habe, in einem Büro genau wie mein Vater, der Versager, arbeiten. Und dann würde ich sterben ohne etwas erreicht zu haben. Alle würden mich vergessen. Ich wäre bedeutungslos für diese Welt. Einer von vielen, in der Masse verloren gegangen. Nein. Ich musste jetzt gehen. Es war höchste Zeit.

„Leo, wo bist du?“, die Stimme von Ophelia. Sie war hier. Ich drehte mich um und ging. Es wäre zu schmerzhaft für mich gewesen, sie noch einmal zu sehen. Sie nochmal in meinen Armen zu spüren. Sie war der einzige Mensch, den ich jemals geliebt habe. Aber ich musste mich von ihr lösen. Ich war nicht gut für sie. Ich ging unter der Brücke hindurch, fort von New York, fort von meinem alten Leben. Es war 22:53 Uhr.

Marie Luise wartete auf ihren Sohn und ihren Mann. Es war zwecklos. Sie entschied sich dazu, in das Auto einzusteigen und ihren Sohn zu suchen. Es regnete. Eine zierliche Frau mit dunkelgrünen Augen und braunen lockigen Haaren fuhr die nasse Straße zum Wackberg hinauf. Es regnete immer stärker. Die Frau konnte fast nichts mehr erkennen. Da, plötzlich erschien ein Junge mit blaugrünen Augen und schwarzem Haar. Er war es, daran gab es keinen Zweifel. Sie versuchte zu bremsen, der Wagen geriet ins Schleudern. Sie bekam Panik, der Wagen schlitterte unaufhaltsam dem Abhang entgegen. Es war zu spät, das erkannte Marie Luise als der Wagen sich überschlug, einige Sekunden in der Luft blieb, um dann mit einem lauten Krachen zwischen den Gebüschen stehenzubleiben.

Das Dach war komplett demoliert, die Autotür der Fahrerseite war in das Auto eingedrückt. Leo rannte auf das Auto zu. Als er seine tote, entstellte Mutter sah, fing er an zu schreien. Er schmiss sich auf die regendurchnässte Erde. Er stand unter Schock. Er würde niemals mehr in der Lage sein, seiner Mutter all die Liebe zu geben, die sie ihm geschenkt hatte.

Das musste er nun unter Schmerzen erkennen.

Fack ju #Gutenberck – Katharinas Geschichte

CovermitTitelAlles sollte sich ändern

Ich lief, einfach immer geradeaus. Ich wusste nicht wohin, aber das war auch erst mal egal. Hauptsache weg.

Nachhause konnte ich nicht mehr, meine Eltern würden mich nicht lassen. Aber das war mir auch egal, zu denen wollte ich nicht mehr. Zu meinen Freunden wollte ich auch nicht, sie waren eh schon von mir genervt, weil ich anders war. Aber auch das interessierte mich nicht mehr, also lief ich weiter.

Bis ich an einem Wald landete. Hier war ich schon mal, aber ich konnte mich nicht mehr erinnern mit wem oder wann, es hatte sich alles verändert. Also beschloss ich einfach noch weiter zu laufen, es kam mir vor wie eine Ewigkeit. Doch irgendwann war ich an einem Punkt angekommen, wo ich mich sicher fühlte, ich wusste weder wo ich war noch weshalb ich mich hier wohlfühlte, aber es war so.

Also suchte ich mir in der Nähe einer alten Buche ein sicheres Versteck, wo ich diese Nacht verbringen konnte.

Nachdem ich eine windgeschützte Stelle gefunden hatte, legte ich mich hin um zu schlafen, doch ich konnte nicht, vor meinem Auge schwebten Bilder. Die Menschen, die dort waren, kamen mir nicht bekannt vor, trotzdem wollte ich wissen, wer sie waren. Ich wollte nur ein paar Antworten, doch ich hatte niemanden, der sie mir geben konnte, ich war allein, irgendwo im Nirgendwo, aber ich hatte weder Angst noch ein schlechtes Bauchgefühl. Das Einzige, was in meinem Kopf vor sich ging, waren die Bilder und die Müdigkeit.

Es war wie in einem Teufelskreis. Ich schloss die Augen um zu schlafen, doch ich sah wieder diese Gesichter und als ich sie öffnete, konnte ich nicht schlafen. Also blieb ich bis tief in die Nacht wach, um über alles nachzudenken, doch ich musste schlafen um für den nächsten Tag genug Kraft zu haben um nach Antworten zu suchen.

Nach weiteren schlaflosen Stunden schloss ich die Augen, ich war so müde, dass ich keine Kraft mehr hatte um mir die Bilder vorzustellen, doch selbst in der Nacht verfolgten sie mich noch. Am nächsten Morgen wachte ich auf und mir wurde schmerzlich bewusst, dass ich nichts mehr hatte, keine Familie, keine Freunde, nur mich und das Nichts in meinem Kopf.

Plötzlich bewegte sich etwas in meiner Nähe, ich schreckte auf und wollte gerade losrennen doch ich hörte eine Stimme, die mir bekannt vorkam. Wieder einmal wusste ich nicht, wem diese Stimme gehörte, also drehte ich mich langsam um, um zu sehen, wer da hinter mir stand. Als ich dieser Person eigentlich direkt in die Augen blicken müsste, war dort niemand zu sehen. Stattdessen bewegte sich etwas zu meiner Linken, ich drehte mich so schnell ich konnte um, aber wieder war niemand zu sehen. Beim dritten Knacken, diesmal zu meiner Rechten, versuchte ich mich langsam und geräuschlos umzudrehen. Und es funktionierte, vor mir stand ein scheinbar verängstigtes kleines Mädchen.

Sie sah komisch aus, ich hatte noch nie so ein dürres, dreckiges, kleines Mädchen gesehen. Und auch wenn ich mich an sonst nichts erinnern konnte, war ich mir sicher.

Ich hatte in mir Glücksgefühle, weil ich mich endlich wieder an etwas erinnern konnte, auch wenn diese Erinnerung nichts mit meinem früheren Leben zu tun hatte. Denn außer an meine Eltern und meine besten Freunde erinnerte ich mich an nichts mehr.

Ich wurde von einem erneuten Knacken aus meinen Träumen geholt. Und mir wurde bewusst, dass dieses Kind immer noch vor mir stand. Es ging mir ungefähr bis zu meinen Ellenbogen, ich schätzte das Mädchen so auf sechs bis sieben Jahre, sicher war ich mir aber keineswegs. Ich wollte den Namen des Kindes wissen, doch ich hatte das erste Mal seit langem ein Gefühl von Angst, denn mir wurde gerade bewusst, dass das Mädchen nicht mit Dreck voll war. Ich war mir nicht sicher, aber das Zeug auf ihren halb zerrissenen Klamotten sah aus wie getrocknetes Blut.

Ich bekam innerlich Panik, doch ich wusste, wenn ich jetzt eine zu hastige Bewegung machen würde, wäre das Kind wieder weg. Also beschloss ich mich hinzuhocken, um vielleicht mit ihr reden zu können. Als ich gerade in die Hocke gegangen war, machte das Kind einen hastigen Schritt nach hinten. Wenn man dies überhaupt einen Schritt nennen konnte, es war eher ein kleiner Sprung. Sie stand auch nicht, sondern hockte eher so wie ich, nur dass sie sich auf ihren Händen aufstützte. Insgesamt wurde die Lage für mich immer komischer, doch jetzt hatte ich keine Möglichkeit mehr einfach zu gehen.

Also versuchte ich sie zu fragen wie sie hieß, doch es kam kein Ton aus meinem Mund, er war viel zu trocken. Ich versuchte es noch einmal, es war eher ein Kratzen doch ich war sicher, dass sie es verstehen würde. Sie guckte mir jetzt direkt in die Augen, es machte mir Angst. Sie hatte schwarze Augen, das hatte ich noch nie gesehen. Sie öffnete ihren Mund und es kam ähnlich wie bei mir ein leises Kratzen heraus, das ich als Jane deutete. Ich wiederholte es noch einmal und sie nickte. Jane, was für ein schöner Name, dachte ich mir.

Jetzt wo ich ihren Namen kannte, kam sie mir gar nicht mehr so gruselig vor. Ich versuchte mich ihr langsam zu nähern. Und ich wunderte mich, als sie in ihrer Position blieb.

Ich wusste immer noch nicht, was ich von ihr halten sollte, doch ich wollte nicht länger dort sein, also versuchte ich mit ihr zu reden. Doch wie zuvor kam kein vernünftiger Ton aus meinem Mund. Nach weiteren Versuchen kam endlich ein Ton heraus, ich fragte sie, ob sie wüsste, was sie hier macht, doch sie schüttelte schnell ihren Kopf. Schade, dachte ich mir.

Ich stellte ihr viele weitere Fragen, doch sie konnte mir keine meiner Fragen beantworten, was ein Mist. „Wie lang bist du schon hier allein im Wald?“, fragte ich sie. Und zu meiner Überraschung schien sie nachzudenken. „Lange!“, kam es eiskalt aus ihrem Mund, ihre Kinderstimme hörte sich sehr dunkel an, nicht wie bei einem normalen Mädchen in ihrem Alter.

Ich wunderte mich, doch beschloss nicht weiter darauf einzugehen, genug Angst hatte ich eh schon. Ich streckte ihr meine zittrige Hand entgegen und wunderte mich erneut, als sie ihre kleine Hand in meine legte. Ich zog sie langsam näher zu mir und als sie nur noch wenige Zentimeter von mir entfernt war, wollte ich ihre Hand loslassen, doch sie hielt sie fest.

Ok, wenn sie es möchte. Also schloss ich sanft meine Hand wieder. Ich beschloss mit Jane an einen kleinen Bach zu gehen, den ich leicht rauschen hörte. Als wir nach wenigen Minuten angekommen waren, zog ich sie bis zu den Knöcheln in das kühle Wasser. Ich empfand es als sehr angenehm und Jane schien es ebenfalls zu gefallen, denn sie ließ meine Hand los und ging weiter in den Bach hinein.

Tief war er nicht, vielleicht fünfzig Zentimeter, ihr ging er allerdings bis zu den Oberschenkeln. Ich beschloss mich etwas mit dem Wasser zu waschen, also machte ich auch ein paar Schritte in das Wasser hinein. Als wir uns beide gewaschen hatten, fiel mir auf, dass ihre zuvor braunen Harre jetzt blond waren und auch ihre blutigen Klamotten waren sauberer als vorher. So gruselig schien sie gar nicht mehr, nur ihre Augen machten mir noch Angst, sie waren schwarz wie die Nacht.

Nachdem wir beide wieder einigermaßen trocken waren, suchten wir einen Unterschlupf für die Nacht, denn mir war nicht aufgefallen, dass es bereits anfing zu dämmern. Als wir einen geeigneten Platz gefunden hatten, schlief Jane ziemlich schnell ein. Es wunderte mich, dass sie ihren kleinen dünnen Arm um mich gelegt hatte. Mir schien es, als ginge es uns ähnlich, wir beide waren allein und wie es mir vorkam, konnte sie sich auch an nichts aus ihrer Vergangenheit erinnern.

Als ich aufwachte war es noch dunkel, mir kam es vor, als hätte ich drei Tage durchgeschlafen. Als ich in Janes Gesicht blickte und sie mir mit zittriger Stimme erklärte, dass ich fast eine Woche geschlafen hätte, wurde mir klar, dass etwas nicht mit mir stimmte. Ich versuchte aufzustehen, doch mir wurde schnell bewusst, dass ich mich nicht rühren konnte. Als ich wieder zu Jane sah und ich erschrocken feststellen musste, dass wir beide gefesselt waren, wurde mir wieder schwarz vor Augen.

Als ich wieder wach wurde, stand ein Mann vor mir. Er schaute mir direkt in die Augen, es machte mir Angst, doch ich beschloss dem eisernen Blick standzuhalten. Als ich bemerkte, dass er sich mit kleinen Schritten von mir entfernte, fiel mir ein Stein vom Herzen.

Ich fing an nach Hilfe zu schreien, doch es schien, als würde mich niemand hören. Ich weinte solange wie ich in meinem Leben noch nie geweint hatte. Aber da wurde mir wieder schmerzlich bewusst, dass ich mir gar nicht sicher sein konnte, ob ich jemals geweint hatte, denn ich konnte mich ja an nichts mehr erinnern.

Ich schreckte hoch, als ich Schritte hörte. Es war wieder dieser Mann, doch diesmal war er nicht allein. Sie waren zu dritt. Als der eine eine Pistole auf mich und Jane richtete, wobei Jane nichts davon mitbekam, denn sie schien zu schlafen, wollte ich wieder losweinen. Doch ich ließ es, denn ich wollte wenigstens einmal stark bleiben. Der Typ mit der Pistole in der Hand fing an zu lachen, doch es war kein normales Lachen, es klang eher wie ein Kratzen. Plötzlich hörte ich einen Schuss, ich drehte mich instinktiv zu Jane um nach ihr zu sehnen, doch sie schien in Ordnung zu sein. Zwar hatte sie nun ihre Augen geöffnet, doch nur wegen dem lauten Knall der Pistole, die immer noch in der Hand des Mannes verweilte. Zwei der drei Typen waren bereits gegangen und nach ein paar Minuten folgte ihnen der Dritte, nachdem er uns die ganze Zeit angestarrt hatte.

Jane und ich wechselten die restliche Zeit kein Wort. Irgendwann schlief ich wieder ein, denn mein Körper hatte sein Zeitgefühl verloren. Ich wusste weder wie lange wir schon hier waren noch wie viel Uhr es gerade war.

Als ich meine Augen öffnete, lag Jane nicht mehr neben mir. Ich schnellte hoch, doch konnte sie nirgends entdecken. Ich hörte einen lauten schrillen Schrei, bevor ein Knall ertönte. Ich schrie los, aus Angst um Jane. Auch wenn wir nicht viel redeten und ich eigentlich gar nichts über sie wusste, war sie wie eine Schwester für mich. Einer der Männer, die bereits einmal bei mir gewesen waren, kam in das Zimmer, in dem ich lag. Er drohte mir, dass, wenn ich nicht sofort leise wäre, genau dasselbe mit mir passieren würde wie mit meiner Freundin. Ich sah ihn erschrocken an, ich öffnete meinen Mund, um ihn zu fragen, was mit Jane passiert ist und siehe da, ich konnte reden. Meine Stimme klang zwar etwas ängstlich, doch ich versuchte es so gut es ging zu überspielen. Doch der Mann antwortete mir nicht, er drehte sich einfach um und verschwand.

Ich lag weitere Stunden, Tage und Wochen in dem Zimmer allein. Jeden Tag um dieselbe Zeit bekam ich etwas zu essen, Brot und Wasser.

Ich fühlte mich so allein wie noch nie, Jane war tot und ich wusste nicht wie lange ich hier noch bleiben würde, bis ich wieder bei ihr war. Bei diesem Gedanken wurde mir kalt ums Herz, denn kurz bevor Jane gestorben war, hatten wir uns geschworen, dass wir, egal was passieren würde, versuchen würden zu fliehen, egal ob die andere tot war. Ich wollte sie nicht enttäuschen also schmiedete ich einen Plan.

Nach weiteren Tagen, wie viele genau wusste ich nicht, denn nach siebzig hatte ich aufgehört zu zählen, war die Zeit gekommen.

Einer der Männer hatte vor ein paar Wochen sein Messer fallen lassen und es war ihm nicht mal aufgefallen. Ich versuchte gerade das Seil, das um meine Hände gebunden war, zu lösen, als sich die schwere Eisentür, die zu meinem Zimmer führte, öffnete. Ich wusste, es würde jetzt Essen geben und es war meine einzige Chance zu flüchten, denn die Türe war immer verschlossen, wenn ich alleine im Zimmer war.

Ich hatte gerade das Seil durchtrennt, als der Mann das Essen vor mich stellte. Es wurde mir immer gewaltsam in den Mund gezwängt. Jetzt war genau der richtige Augenblick.

Also zog ich das Messer hinter mir hervor und stach es dem Typen direkt ins Herz. Er fiel sofort um und ich stand auf um wegzurennen.

Bei den ersten Schritten war ich sehr wackelig auf den Beinen, doch nach einigen Metern fühlte ich mich so frei, dass es mir egal war wo ich lang rannte. Einfach weg.

Als ich nach gefühlten Stunden an einer Straße angekommen war, sah ich in der Ferne eine Stadt und ich wusste, würde ich es bis dorthin schaffen, war mein Überleben fürs Erste gesichert.

Noch einmal drehte ich mich um und sah in den Wald zurück, in dem ich festgehalten wurde, hier wollte ich nie wieder sein.

Ich rannte los.

Fack ju #Gutenberck – Hendriks Geschichte

CovermitTitel27

„Schatz, hast du auch alles gepackt?“, rief die Mutter aus der Küche.

„Ja, ich denke schon“, entgegnete der Vater genervt.

Kurze Zeit darauf stiegen die Eltern mit ihren Kindern Tom, Sara und Leon in das Auto ein und fuhren in Richtung wohlverdienten Urlaub. Nach fünf Stunden Fahrt kamen sie am Hotel an, es war genau wie sie es sich vorgestellt hatten: große Poolanlage, kurzer Weg zum Strand, an dem sich wohl bemerkt eine kilometerlange Promenade befand, auch der versprochene Panoramaausblick vom Zimmer aufs Meer war vorhanden. Voller Vorfreude betraten sie das Hotel, es war ein sehr altes Hotel, in einer der besten Lagen.

„Guten Tag, Schneider mein Name, wir haben zwei Zimmer für das Wochenende gebucht.“, sagte der Vater zur freundlich aussehenden Dame an der Rezeption.

„Oh ja genau… hier ihre Schlüssel. Zimmer 7 und 9.“

Der Vater nahm die Schlüssel, bedankte sich und brachte zusammen mit seiner Frau das Gepäck auf das Zimmer. Sie räumten ihre Sachen aus und bestaunten das Zimmer. Die drei Kinder suchten direkt nach einer Beschäftigung, das Einräumen des Zimmers hatte schließlich noch Zeit.

Sie gingen an die hoteleigene Poolanlage und freuten sich schon auf das Programm. Jedoch fand an diesem Tag kein Programm statt, so stand es zumindest auf einem kleinen Schild neben der Poolanlage. Enttäuscht und gelangweilt gingen sie wieder ins Hotel.

Gerade als sie die knirschende Hoteltreppe hinaufgingen, fiel Leon, dem ältestem Sohn, ein, dass sie doch Verstecken spielen könnten. Da wie immer keiner freiwillig suchen wollte, lösten sie das Problem wie immer: Sie spielten „Gerade – Ungerade“. Tom, das jüngste der drei Kinder, zog mit seinem Bruder Leon jedes Mal dieselbe Masche durch, sie sprachen sich ab, so dass ihre Schwester, Sara, jedes Mal suchen musste. So war es auch dieses Mal.

Leon versteckte sich im Zimmer der Eltern unter dem Bett. Tom ging über die knirschende Hoteltreppe hoch in den 4. Stock, er war verlassen. Alle Türen waren geschlossen, bis auf die Hinterste. Es lag ein leicht modriger Geruch in der Luft, es war ein beißender Geruch, der mit jedem Schritt intensiver wurde. Jedoch wollte er nicht riskieren als Erster gefunden zu werden, weswegen er sich der leicht geöffneten Tür am Ende des Gangs näherte. Er öffnete die Tür einige Zentimeter, sie quietschte, es erschütterte ihn bis ins Mark. Mit leicht zittrigen Knien betrat er das Zimmer.

Auf der Tür war nur noch schwer erkennbar die Nummer 27 zu sehen. Als er ein paar Schritte in das verwaiste Zimmer machte, knallte die Tür hinter ihm zu wie durch einen heftigen Windstoß. Sofort versuchte Tom die Tür zu öffnen, doch es klappte nicht, egal wie feste und lange er es auch probierte.

Zur selben Zeit hatte Sara Leon schon im Zimmer ihrer Eltern gefunden, da es so üblich war, musste Leon nun mit suchen. Minuten, fast Stunden vergingen, ohne dass sie Tom fanden. Als sie noch einmal das ganze Hotel durchsuchen wollten, begegneten sie den Eltern in der Eingangshalle, sie kamen wohl gerade von einem Besichtigungsgang durch das Hotel.

„Und habt ihr auch viel Spaß, Kinder? Wo ist denn Tom?“, fragte die Mutter neugierig. „Ja…wie sollen wir es sagen, wir haben Verstecken gespielt und suchen Tom schon seit fast zwei Stunden. Wir haben das ganze Hotel schon durchsucht.“

Völlig außer sich erzählte die Mutter dem Vater, was passiert war.

Währenddessen entdeckte Tom, auf der Suche nach einem anderen Ausgang des Zimmers, eine weitere Tür hinter einem Vorhang. Mit zittrigen Knien und vor Nervosität leicht feuchten Händen stand Tom nun vor dem Vorhang der versteckten Tür. Mit langsamen Schritten ging er auf den Vorhang zu, mit einem Ruck riss er den Vorhang beiseite.

Zu diesem Zeitpunkt waren die Eltern immer noch außer sich, doch der Hotelmanager versuchte mit ihnen zu reden und sie zu beruhigen.

„Wir werden ihn schon finden, behalten sie nur die Ruhe.“, sagte er zu ihnen.

Gerade als sie sich auf die Suche machen wollten, kam ein weitere Vater zu dem Hotelmanager. Völlig aufgelöst erzählte er dem Manager, dass er seine Tochter vermisse und schon seit über einer Stunde suche. Auch ihn versuchte der Hotelmanager zu beruhigen und schlug vor gemeinsam nach den Kindern zu suchen. Natürlich hatte keiner der Eltern etwas dagegen einzuwenden.

Zur gleichen Zeit öffnete Tom vorsichtig die Tür, nach einigen Sekunden hielt er inne. Er hörte ein leises Schluchzen, fast schon ein Weinen. Er öffnete die Tür nun ganz, er konnte keinen Meter weit gucken, so eine Dunkelheit hatte er vorher noch nie erlebt. Da war es schon wieder, das Schluchzen aus der hintersten Ecke. Seine Knie fingen immer mehr an zu zittern, ängstlich stand er nun da in dem düsteren Raum. Er bemerkte noch ein weiteres Kind. Ein Mädchen, welches weinend in der Ecke hockte.

„Spielst du auch Verstecken?“ fragte er sie. „Nein.“, sagte sie schluchzend „Ich wollte nur in mein Zimmer, aber der Mann vom Hotel hat mich dann hier eingesperrt.“

Daraufhin fängt sie wieder an zu weinen, Tom kniete sich neben sie und versuchte sie zu trösten.

Bei der Suche nach den Kindern fiel Toms Vater auf, dass der Hotelmanager komischerweise alleine nach den Kindern suchen wollte. Das fand der Vater merkwürdig, denn der Hotelmanager hat sich seit dem Verschwinden der Kinder sehr seltsam verhalten. Deswegen folgte er dem Hotelmanager heimlich in den dritten Stock, dies war schwerer als gedacht, da die Hoteltreppe bei jedem Schritt quietschte. Plötzlich stieg der Manager in den Aufzug, der Vater musste jetzt schnell handeln. Er beschloss, kurz bevor sich die Türen schlossen, mit in den Aufzug zu steigen. Mit erschrecktem und nervösem Blick schaut der Manager den Vater an. Nach wenigen Sekunden drückt der Vater voller Zorn den Notschalter. Der Aufzug blieb mit einem kräftigen Ruck stehen. Ein Schweigen lag in der Luft. Der Vater baut sich vor dem Hotelmanager auf, das Licht flackert und geht aus.

Fack ju #Gutenberck – Farinas Geschichte

CovermitTitelD1527

Das Nichts beginnt mit lauwarmem Salzwasser, welches meine Füße umspielt. An mehr erinnere ich mich nicht.

Wann immer ich versuche, mich zu entsinnen – denn ich weiß, dass es mehr geben muss -, verspüre ich ein Gefühl der Leere in mir. Auf seltsame Art und Weise bereitet mir dies mehr Sorgen als alles Andere. So einen großen Teil meiner selbst nicht zu kennen, schmerzt mich.

Ich bin jetzt sechzehn. Das sagen sie zumindest. An sechzehn Jahre meines Lebens erinnere ich mich nicht. Der größte Teil meiner Gedanken ist umgeben von Schwärze. Wenn ihr wissen wollt, wie es sich anfühlt, dann macht die Augen zu. Versucht, nichts zu hören oder zu riechen. Denkt an nichts. Was ich eigentlich sagen will: Hört auf zu existieren. Neustart.

Wacht auf. Ihr seid verwirrt, nicht wahr?

Ich war es.

Das Metall ist eiskalt an meiner Haut. Instinktiv versucht mein Körper, den Kontakt mit der kühlen Oberfläche zu vermeiden. Zu meiner Überraschung muss ich feststellen, dass ich an den Operationstisch festgekettet bin. Die Haut an meinen Handgelenken ist aufgerissen und getrocknetes Blut klebt daran. Was ist passiert? Habe ich geschlafen? Oder geträumt?

Nein. Die wenigen Erinnerungen, die ich habe, sind so klar und gestochen scharf wie die verrückte Wirklichkeit. Ich vermute mal, dass ich eine Gefangene bin. So geschwächt, wie ich bin, wäre ich niemandem eine Gefahr. Der bloße Gedanke ist so lächerlich, dass ich kurz lachen muss. Der Laut hallt gespenstisch wider, bis er von der Dunkelheit verschluckt wird.

Ich weiß nicht, wie lange ich auf dem Tisch gelegen habe, als ich Schritte höre. Das Klicken eines sich öffnenden Schlosses dringt an mein Ohr. Sekunden später geht das Licht an. Es ist so gleißend hell, dass ich zuerst nichts erkennen kann. Grüne Punkte tanzen vor meinen schmerzenden Augen. Schließlich kann ich zwei in weiß gekleidete Gestalten ausmachen. Sie mustern mich aufmerksam. Ich beginne, mich unwohl zu fühlen. Das Einzige, was ich trage, ist ein dünner Kittel. Ansonsten nichts – darunter ein hilfloser Mensch, der sich nicht zu helfen weiß. Das dachte ich zumindest.

Sie fangen an, mir von Experimenten zu erzählen, an denen ich teilgenommen habe. Wichtige Entscheidungen und Fortschritt. Ich bin ein Fortschritt in der Forschung und wertvoll für die Menschheit. Schnell wird mir klar, dass dies nichts Gutes für mich bedeutet. Ich höre ihnen zu, wie oft sie mich aufgeschnitten haben. Wie sie mir alles herausgenommen und künstliche Organe eingesetzt haben. Wie kann ich noch ein Mensch sein, wenn ich keiner mehr bin…?

Alles, was sie mir sagen, hat mit verrückten und neuartigen Operationsmethoden zu tun. Also klinke ich mich aus und spiele vor meinem inneren Auge meine einzigen Erinnerungen ab. Stundenlang laufe ich am Strand entlang und konzentriere mich nur auf den kühlen Wind, der meine nackte Haut liebkost. Wenn ich wieder in der Wirklichkeit ankomme, kann ich das Salz beinahe auf meinen Lippen schmecken.

Obwohl ich alles mitkriege, werden meine Erinnerungen und mein Gedächtnis nicht angesprochen, was mich zu der Annahme treibt, dass etwas nicht stimmen kann. Ein Fehler im System. Aber ich mache mir nicht die Mühe, sie darauf hinzuweisen. Was würden sie tun? Etwas sagt mir, dass sie damit nicht einverstanden wären. Ich bin ihr Experiment. Sie haben mich erschaffen. Und ich bin kein gewöhnlicher Androide, zusammengesetzt aus Fleisch und Knochen. Meine Fähigkeit, ungewöhnlich schnell zu lernen und Unbekanntes rasch aufzunehmen und zu verarbeiten macht mich besonders. Besonders unberechenbar.

Und eines Tages höre ich etwas, was nicht für meine Ohren bestimmt ist. Ich weiß es, weil ich das Flüstern aus dem angrenzenden Labor vernehmen kann. Mein Gehör ist in etwa dreimal so gut wie das eines Hundes.

Sie sollte kontrollierten Ausgang bekommen. Früher oder später muss sie der Öffentlichkeit präsentiert werden, sonst bekommen wir keine Gelder mehr. Sie sollte an all das gewöhnt werden. Falls etwas schief läuft, können wir ja eingreifen und mögliche Fehler beheben.

Mein Herzschlag beschleunigt sich. Werde ich diesen Ort wirklich verlassen? Der Gedanke lässt meine Knie unangenehm weich werden. Ich stehe vom Boden auf und fange an, nervös auf- und abzulaufen. Mein Atem geht schneller. Irgendwann schließe ich die Augen und laufe. Aber nicht in meiner Zelle, sondern an einem weißen Sandstrand, der so schön ist, dass es in meiner Brust schmerzt. Zufriedenheit und Ruhe durchfluten mich und löschen jeden weiteren Gedanken aus.

Es ist ein ruhiger Tag. Geradezu ordinär. Seit meinem Erwachen sind genau dreiundsechzig Tage vergangen. Trotzdem ist etwas anders. Die Aufregung meiner Erschaffer ist fast greifbar. Alle Mitarbeiter sind hektisch. Nur ich strahle Ruhe aus. Ich weiß jetzt, was ich tun muss. Jede Faser meines Körpers ist angespannt. Wir laufen einen Flur entlang, der vom Labor und den Forschungsräumen zum Ausgang führt. Ich werfe nicht einen Blick über meine Schulter. Da ist nichts, was mir fehlen könnte. Meine Aufpasser eskortieren mich zu der massiven Stahltür und geben einen zwölfstelligen Zahlencode ein. Erst dann öffnet sie sich. Ich atme tief ein, als die frische Luft mir entgegen strömt. Zum ersten Mal fühle ich, wie alles, was mich beschwert hat, von mir abfällt. Mit jedem Atemzug steigt die Gewissheit, dass ich das Richtige tue. Die Wächter klammern sich unruhig an ihre Gewehre. Ich weiß, dass sie mit einem lähmenden Nervengift geladen sind, welches sie bei Bedarf injizieren würden. Aber dazu wird es nicht kommen. Ich werde warten, bis sie sich entspannen und mich nicht mehr beachten.

Es dauert zwölf Minuten und siebenundvierzig Sekunden, bis einer von den Beiden seinen Blick schweifen lässt. Höchstwahrscheinlich fragt er sich, wie lange wir hier noch stehen müssen. Nicht mehr lange, denke ich mit grimmiger Entschlossenheit.

Und dann passiert es.

Bevor sie reagieren können, renne ich los. Meine Muskeln registrieren lediglich ein leichtes Ziehen, während ich mich zwinge, so schnell zu laufen, wie ich nur kann. Die Wächter stoßen einen überraschten Aufschrei aus, als sie begreifen, was hier gerade geschieht. Ich muss ziemlich schnell sein. Jeder Zentimeter meines Körpers wurde genetisch so verändert, dass ich keine Erschöpfung verspüre und ihn effektiv einsetzen kann. Wie eine Maschine.

Erst nach vier Sekunden trifft mich einer der Betäubungspfeile am Rücken. Da ich nicht stoppen darf und will, lasse ich ihn stecken und renne weiter. Innerhalb weniger Minuten wird der ganze Komplex die Nachricht erhalten haben, dass D1527 einen Fluchtversuch gestartet hat, also bleibt mir nicht viel Zeit.

Das Labor liegt mitten im Nirgendwo. So viel wird mir klar, als ich die Gebäude hinter mir lasse. Um das Gelände zieht sich ein Zaun. Ich kann von weitem bereits den Stacheldraht erkennen. Meine ganze Konzentration richtet sich jetzt auf das letzte Hindernis vor mir. Mein Gehirn rechnet aus, in welchem Winkel und an welcher Stelle ich springen muss, um nicht in vollem Lauf gegen den Zaun zu stoßen. Schließlich stoße ich mich kraftvoll mit dem linken Fuß vom grasbewachsenen Boden ab und spüre die Erschütterung, als mein Körper auf den dünnen Maschendraht trifft. Meine Finger krallen sich um den kalten Draht, als ich mich immer weiter hochziehe. Die Stacheln sollten meiner Haut eigentlich nichts anhaben können, doch ein Stachel bohrt sich tief in meine Handfläche, als ich mich auf die andere Seite fallen lassen will. Ich verziehe kurz das Gesicht, bevor ich meine Hand mit einem Ruck befreie.

Der Aufprall lässt mich einen Moment lang stolpern, bevor ich weiterrennen kann. Meine Geschwindigkeit aufrechtzuerhalten, fällt mir zunehmend schwerer: das Gift setzt ein.

Ich weiß nicht, wie lange ich noch renne, bevor mein Körper aufgibt. Mein Fuß knickt um und dann falle ich. Ich habe nicht mehr genug Kraft, um mich noch aufzurichten. Meine Gliedmaßen zucken bei dem Versuch, wieder aufzustehen. Mir ist, als würde sich ein Schleier über meine Wahrnehmung legen.

Über mir kann ich den Himmel sehen. Er dehnt sich schier endlos aus, wohin ich auch schaue. Bevor ich das Bewusstsein verliere, denke ich noch: Ich war frei.

Fack ju #Gutenberck – Elenis Geschichte

CovermitTitelIch wachte auf. Alles war weiß und verschwommen. Im Hintergrund war ein Piepen zu hören und Leute die flüsterten. Vor vier Jahren bekam ich die Diagnose. Eine seltene Art von Krebs, die das Herz angreift. Am Anfang verlief alles gut. Ich konnte zur Schule gehen mich mit Freunden treffen und ab und zu musste ich zur Untersuchung ins Krankenhaus. Doch dann gab es ein Problem. Die Medikamente, die verhindern sollten, dass der Tumor wächst, hatten ihre Wirkung verloren. Ab da wurde alles anders. Ich ging seltener zur Schule, traf mich weniger mit Freunden und verbrachte mehr Zeit im Krankenhaus. Man erzählte mir, dass alles gut werden würde. Aber das wurde es nicht.

Ich wusste doch, wie es mir selber geht. Eine Operation war ausgeschlossen. Es war zu gefährlich an meinem Herzen rumzuschneiden. Deswegen versuchte man es anders. Mit stärkeren Medikamenten und mit Chemos. Besser ging es mir aber nicht. Die Ärzte versuchten alles, doch Zeit blieb mir nicht mehr. Doch dann wirkte die Chemo. Nachdem sie dir jedes bisschen Hoffnung nahm, gab sie ein Stück wieder zurück. Der Tumor hatte sich nicht weiter verbreitet. Ich hatte wieder Zeit auf meiner Uhr.

Das verdanke ich meinem Bruder. Während er im Militär war hatte er einen Arzt kennengelernt, der ursprünglich einen Abschluss in Medizin hatte mit dem Schwerpunkt Krebsforschung. Nachdem was er bei mir geschafft hatte, bekam er eine Festanstellung hier im Krankenhaus. Er war nun seit zweieinhalb Jahren mein behandelnder Arzt. Jetzt liege ich aber wieder hier, auf der Intensivstation des Krankenhauses. Was war passiert? Durch die Tür kann ich sehen, wie meine Mutter mit Dr. Phill redete. Doch ich kann sehen, dass Dr. Phill keine guten Neuigkeiten hatte. Ich beobachtete sie weiter und konnte sehen, wie sich das Gesicht meiner Mutter in Trauer versetzte. Als sie sahen, dass ich sie beobachtete, kamen sie zu mir ins Zimmer.

„Hey meine Süße, schön dass du wach bist.“, sagte meine Mutter.

„Hey Mom, hey Dr. Phill.“, sagte ich.

„Hey Elena, ich hab dir doch verboten wieder auf die Intensivstation zu kommen.“, sagte Dr. Phill mit einem kleinen Unterton in der Stimme.

„Sorry Doctor, doch mein Krebs kann einfach nicht genug von ihnen bekommen.“, sagte ich und wir lachten alle.

„So Elena und wie geht’s dir?“

„Eigentlich ganz gut, bis auf die Tatsache, dass ich hier liege.“

„Ja, mich beunruhigt das auch. Ich hab deiner Mutter schon gesagt, dass wir uns nicht sicher sind, ob es der Krebs ist. Wir müssen erst noch ein CT- Scann machen, bevor wir daraus ein Entschluss ziehen wie wir vorgehen.“

„Wie bin ich im Krankenhaus gelandet?“

„Das kann ich dir genauer nach dem CT- Scann sagen. Heute schaffen wir es jedoch nicht diesen durchzuführen, morgen früh haben wir den Termin bekommen. Bis dahin wirst du fürs Erste und bis die Ergebnisse da sind hier bleiben müssen.“, sagte Dr. Phill.

„Okay. Danke.“, sagte ich und Dr. Phill verabschiedete sich.

„Mom, ich bin noch ein bisschen müde. Bleibst du hier oder musst du los?“

„Eigentlich muss ich los, aber wenn du willst, kann ich den Termin absagen.“

„Nein schon gut, geh ruhig.“

„Sicher?“

„Ja“

„Okay, schlaf gut. Ruf an, wenn etwas ist.“ Dann ging sie. Ich hörte an ihrer Stimme, wie sehr es ihr wehtat, mich hier zurückzulassen. Aber ich will nicht, dass sie ihr Leben und ihre Karriere aufgibt. Sie ist eine der besten Immobilienmaklerinnen hier in L.A., doch seitdem ich krank geworden bin, hat sie sich mehr um mich als um andere Sachen gekümmert und ihr Leben vernachlässigt. Ich versuchte ihr klar zu machen, dass wenn meine Zeit abgelaufen ist, sie weiter machen muss und nicht in der Vergangenheit bleibt. Es macht mich glücklich, wenn sie sagt, sie müsse zur Arbeit und das weiß sie auch. Doch so richtig kommt sie damit nicht zurecht, dass sie nicht bei mir sein kann. Ich spüre es.

Mein Vater ist da anders. Er erträgt es nicht mich so zu sehen und sucht Zuflucht, indem er im Büro Überstunden macht. Das heißt nicht, dass er mich nicht liebt. Denke ich, sonst wäre er schon längst weg.

Ist er das wirklich? Doch, das ist er und mein ältester Bruder Steven.

„Hey Kleines, wie geht’s?“, fragte Steven besorgt während Dad mir nur ein Lächeln schenkte.

„Ganz gut. Mom war auch hier, musste aber wieder gehen.“

„Okay, du bist bestimmt müde. Dann gehen wir jetzt auch. Wir kommen später wieder.“, sagte Dad.

„Okay“, sagte ich und war wieder alleine im Zimmer und schlief ein.

Meine Mutter weckte mich auf, damit ich mich fertig für den CT- Scann machen konnte. O Gott, ich habe seit gestern, als mein Vater und Steven da waren, durchgeschlafen. Doch ich fühl mich schon besser seit gestern.

Und wieder stecke ich in dieser Röhre. Ich war nie ein großer Fan von CT- Scanns. Eigentlich ist es anstrengend zehn bis zwanzig Minuten stillzuliegen. Doch mir fällt das nicht schwer, denn erstens bin ich kaputt und habe keine große Lust mich zu bewegen und zweitens ist das der perfekte Ort um nachzudenken. Ich darf mich sowieso nicht bewegen, also lasse ich meinen Gedanken freien Lauf. Doch es ist schon ein gutes Gefühl aus dieser Röhre wieder raus zu sein. Jetzt ist es wieder da. Dieses Gefühl, das einen überkommt, wenn man auf etwas warten muss. Sorgen mache ich mir schon, muss ich eigentlich irgendwie, weil es ja mein Körper ist.

Und wieder bin ich auf meinem Zimmer und warte mit meiner Mom auf die Ergebnisse. Heute hat meine Mutter ihren Laptop mitgenommen und arbeitet von hier aus. Früher hat sie das oft gemacht und von zuhause gearbeitet. In der Zeit, die verging, muss ich wohl eingeschlafen sein, denn die Stunden sind mal wieder wie im Fluge vergangen. Eine Schwester kam rein und überprüfte kurz die Geräte, die im Raum standen. Bei manchen Geräten weiß ich gar nicht was sie wirklich machen. Doch fragen tue ich nicht, weil es mich auch nicht gerade interessiert. Immer dieses Warten. Doch das Warten hat nun ein Ende. Denn da kommt Dr. Phill.

„Hallo Dr. Phill“, sprach ihn meine Mutter an, bevor er überhaupt die Möglichkeit hatte die Tür zu schließen.

„Hallo Mrs. Milton, hallo Elena.“, sagte Dr. Phill.

„Und?“, fragte ich. Doch Dr. Phill schwieg und wir wussten, was das hieß. Meine Mutter war leicht am Schluchzen. Ich holte tief Luft. Dr. Phill wartete bis wir uns gefasst hatten und sagte:

„Dein Aussetzer war aufgrund des Krebses. Durch den größer gewordenen Tumor ist dein Kreislauf kollabiert. Jetzt bist du soweit stabil, aber eine Entlassung ist jetzt erstmal ausgeschlossen. Wir müssen jetzt überlegen, wie wir weitermachen.“

„Warum können sie denn nicht operieren?“, fragte ich verzweifelt.

„Du weißt warum. Der Tumor ist nicht nur an der Oberfläche des Herzens sondern hat sich auch nach innen durchgebohrt. Das Einzige, was wir tun können, ist abwarten.“

„Was? Darauf, dass meine Tochter endgültig von diesem Krebs zerstört wird?“, fragte meine Mutter verzweifelt.

„Warten auf ein Herz. Die einzige Möglichkeit, die wir jetzt noch haben, ist eine Transplantation. Falls ihr das wollt, habe ich schon deinen Namen auf die Liste gesetzt. Natürlich gibt es das Risiko bei der Transplantation, dass das Herz vom Körper abgestoßen wird. Doch jetzt können wir nur abwarten und den Tumor soweit es geht davon abhalten noch weitere Organe zu beschädigen. Ich werde jetzt gehen und lasse euch darüber nachdenken. Morgen komme ich nochmal und erkundige mich.“, sagte Dr. Phill und verschwand.

Ich war in einer Art Schock. Eine Transplantation? Ich verstand nicht ganz. Wie sollte ich das denn entscheiden? Meine Mutter zückte ihr Handy und war aus dem Raum verschwunden. Ich dachte, dass sie meinen Vater und Steven anruft. Doch der einzige Mensch, den ich jetzt sprechen wollte, war Georg. Georg ist mein Bruder, der im Militär tätig ist. Er ist ein Marine. Jedes Jahr sehen wir ihn einmal für zwei Monate. Doch es ist ausgeschlossen, dass ich ihn sehen werde, da er seine zwei Monate schon draußen war. Georg ist Georg. Man kann ihn nicht beschreiben, doch er ist der einzige, der mir weiterhelfen kann, immer war er für mich da, wenn ich ein Problem hatte. Das ist nicht nur eine Bruder-Schwester-Beziehung, er ist auch mein bester Freund und der, der mich vor allem beschützt. Nur vor einer Sache konnte er mich nicht beschützen. Aber das nehme ich ihm nicht übel, er ist auch nur ein Mensch. Meine Mutter kam wieder herein. Sie hatte geweint.

„Mom, ich würde gerne Georg anrufen.“, doch sie antwortete nicht. Ich dachte, sie steht unter Schock. Der Raum wurde von Schweigen eingehüllt. Eine Transplantation. Eigentlich wusste ich in meinem Innersten, dass das kommen würde. Doch mit dem Gedanken kann ich mich nicht anfreunden. Eines anderen Menschen Herz in mir? Eines dann toten Menschen. Aber kann ich auf die Kosten eines anderen leben? Was ist mit dessen Familie? Aber wenn ich kein Herz bekomme, werde ich sterben. Aber kann ich so egoistisch sein?

„Was hast du gesagt?“, fragte meine Mutter.

„Ob ich Georg anrufen kann.“, antwortete ich.

„Ja, ich gucke, ob ich ihn erreichen kann, okay?“, antwortete meine Mutter und ging dann wieder aus dem Raum. Hoffentlich konnte sie ihn erreichen.

„Hey, er ist gerade nicht da, aber er ruft sofort zurück, wenn er weiß, dass wir angerufen haben.“, sagte meine Mutter, als sie wieder rein kam. Ich nickte nur und legte mich hin, um ein bisschen zu schlafen.

Als ich aufwachte, waren mein Dad und Steven da. Wie lange waren sie schon da?

„Hey Dad, Hey Steve.“

„Hey Kleines.”, sagte Steve. Eigentlich mag ich es nicht, wenn er mich Kleines nennt, aber ich lasse das mal gelten und lächle. Mein Dad saß mal wieder stumm da. Wir schauten uns an, doch er war irgendwie abwesend. Ich glaube, er denkt über die Transplantation nach. Georg hatte immer noch nicht zurückgerufen. Der Tag verging und wir hatten von niemanden etwas gehört. Alle saßen einfach nur still da. Dr. Phill kam auch nicht mehr vorbei. Steve und Dad gingen dann am Abend und meine Mom folgte ihnen schweren Herzens.

Ich musste eine Entscheidung treffen. Wollte ich eine neue Chance bekommen, um zu leben? Mit dem Gedanken im Kopf schlief ich dann ein. Am nächsten Tag hatte ich immer noch nichts von Georg gehört. Dr. Phill schaute rein und erkundigte sich, wie meine Schmerzen von 1 bis 10 sind. 8. Aber nicht wegen dem Krebs, sondern wegen den Gedanken der Transplantation und weil Georg nicht zurückruft. Als er ging, sagte er, dass er eine Entscheidung brauchte. Das wusste ich längst.

Dann klingelte das Telefon. „Hallo?“, sagte ich.

„Hey großes Mädchen.“

„Ich dachte, du rufst nicht mehr an.“, sagte ich und die Schmerzen waren verschwunden.

„Dich vergesse ich nie.“, sagte er und ich wusste, was er damit meinte. Denn als ich meine Diagnose bekam, wurde er wieder eingezogen und um mich nicht zu vergessen, hatte er sich ein Tattoo auf dem Arm machen lassen, wo mein Name und ein Krebs drauf sind.

„Und, wie geht’s dir?“, fragte ich.

„Ganz gut. Mom hat mir alles erzählt.“, sagte er mit einem traurigen Unterton in der Stimme.

„Und?“

„Die Entscheidung kann ich dir nicht abnehmen. Ich kann dir nur helfen sie zu wählen.“

„Und wie willst du das machen?“

„Schließe die Augen und atme tief durch.“, sagte er und dann erzählte er mir von einer Stadt aus Gold. Wo der Mond hell scheint und die Sonne langsam untergeht. Diese Geschichte erzählt er immer. Sie ist von meinem Lieblingslied. Dann, als er fertig war, sagte er mir: „ Jeder hat das Recht zu leben, es liegt in unserer Hand was wir aus diesem Leben machen. Also liegt es bei dir zu entscheiden.“

„Okay.“, sagte ich und wir legten dann auf.

Als ich einschlief, träumte ich von einer goldenen Stadt. In der der Mond hell ist und die Sonne langsam untergeht. Als ich dann aufwachte, wusste ich, wie ich mich entscheiden würde. Ich rief meine Mutter an und sagte ihr die Neuigkeiten. Als dann Dr. Phill kam, erzählte ich ihm, dass er meinen Namen auf der Liste lassen sollte.

Monate vergingen und alles lief gleich ab. Wenn alles gleich abläuft, hast du irgendwann kein Gefühl mehr für die Zeit. Zuerst kamen die Medikamente, gegen Mittag dann die Chemo und gegen Abend kam dann meine Familie. Wenigstens war das Essen abwechslungsreich. Aber durch die Nebenwirkungen der Chemo, kam es mir wieder hoch. Das Schlimmste war es aber zu warten. Warten auf was Neues, auf ein Herz. Aber man wird aufs Neue enttäuscht. Eine weitere Woche verging. In der Woche waren alte Freunde von mir zu Besuch. Sie sagten, wie es in der Schule war und was sich alles verändert hatte und wie sehr sie mich vermissten. Naja, wenigsten etwas Abwechslung. Als sie gingen, wünschten sie mir noch ein schönes Weihnachtsfest. War es schon Weihnachten? Ich hatte wirklich mein Gefühl für Zeit verloren. Über die Weihnachtsferien kamen dann ein Teil meiner Tanten, Cousins und Cousinen zu Besuch.

  1. Dezember 2013. Neues Jahr, neues Glück, wie Dr. Phill gerne sagte. Seit fast einem halben Jahr war ich jetzt in der Klinik. Aber ich gab die Hoffnung nicht auf. Das hatte mir Georg gesagt als wir das letzte Mal telefonierten. Wenn ich mich schon so entschieden hatte, dürfte ich auch nicht aufgeben. Meine Eltern und Steven waren da und feierten mit mir, auf dass das neue Jahr besser wird. Am nächsten Tag bekam ich eine Postkarte, auf der das Team meines Bruders abgebildet war und auf der stand: Frohes neues Jahr wünscht dir dein Matrose und sein Team. Wir alle kämpfen irgendwie, doch du wirst diesen Kampf nicht verlieren. Bis zum nächsten Mal.

In Liebe Georg. P.S. Grüße an Mom und Dad und sag Steven, dass ich mich freue ihn das nächste Mal beim Armdrücken zu schlagen.

Direkt nachdem ich die Karte gelesen hatte, rief ich Mom an. Sie lachte, das erste Mal seit langem.

Die Zeit verging wie im Flug und Monat für Monat zog vorbei. Noch wenige Wochen bis Georg für zwei Wochen käme. Ausnahmsweise durfte er sich die zwei Monate so aufteilen, dass er zwar immer für kurze Zeit, dafür aber öfter im Jahr da ist. Auch diese Wochen vergingen im Flug und Georg wird morgen schon da sein. Ich kann nicht schlafen, weil ich so aufgeregt bin ihn endlich wiederzusehen.

Da kam Mom rein. „Hey meine Süße.“, sagte sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

„Hey Mom.“, sagte ich und lächelte zurück.

„Ich hab eine Überraschung für dich.“

„Echt? Was ist es?“ Doch sie machte einfach die Tür auf, und da stand er. Georg.

Ich konnte nicht mehr sprechen. Er lachte einfach nur und ich auch.

„Hi, großes Mädchen.“, sagte er. Doch ich bekam immer noch kein Wort aus meinem Mund. Ich fing einfach an zu weinen. Er kam zu mir ans Bett und tröstete mich. Dieses Gefühl. Ich hatte ihn so lange nicht mehr gesehen. Wir bestellten uns Pizza und aßen, lachten und hatten einfach noch einen tollen Tag. Dann am Abend gingen beide und ich blieb alleine aber glücklich zurück.

Ich verbrachte zwei tolle Wochen mit Georg. Er war jeden Tag bei mir im Krankenhaus. Wir duften sogar zweimal an den Strand und in die Stadt. Es war wunderschön. Dann kam der letzte Tag. Ich musste mich verabschieden. Nur schweren Herzens sagte ich: „Auf Wiedersehen, Georg. Komm schnell wieder zurück.“

„Das werde ich und du kämpfe deinen Kampf. Ich bin immer für dich da.“, sagte er und ging dann. Die Trauer überkam mich. Doch ich hatte gute Erinnerungen, an denen ich festhalten konnte.

Dann kam Dr. Phill rein. „Ich hab keine guten Neuigkeiten. Wir haben immer noch keinen Spender gefunden. Wenn wir nicht bald ein Herz für dich finden, dann…“, er brachte den Satz nicht zu Ende. Doch ich wusste, was das heißen würde. Ohne etwas zu sagen verließ er den Raum. Es war zu spät meine Mutter anzurufen und ich konnte auch nicht. Ich schlief ein.

Am nächsten Tag versuchte ich meine Eltern oder Steven zu erreichen, aber keiner ging ran. Warum? Ein weiterer Tag verging. An dem Tag veränderte sich alles. Dr. Phill kam zu mir ins Zimmer. „Wir haben ein Herz!“, rief er glücklich.

„Was? Wie ist das möglich?“, sagte ich ganz perplex.

„Wir müssen dich fertig machen für den OP.“, sagte Dr. Phill.

„Und was ist mit meinen Eltern?“, fragte ich.

„Die sind schon informiert und sind auf dem Weg, aber du wirst sie erst nach der OP sehen.“, sagte Dr. Phill und dann kamen auch schon zwei Krankenschwestern und machten mich bereit. Ich bekomme ein neues Herz. Das einzige Mal als ich im OP war, war, als ich Knochenmark zur Untersuchung abgeben musste. Da sind die Türen.

„Elena? Da, sie wacht auf. Hey, wie geht’s?“

„Die OP ist gut verlaufen und das Herz ist nicht abgestoßen worden.“, hörte ich Dr. Phill sagen. Doch dann wurde alles wieder schwarz. Als ich aufwachte, sah ich Mom, sie weinte.

„Mom?“, flüsterte ich.

„Elena! Hallo.“, sagte sie.

„Warum weinst du?“, fragte ich und sie erzählte mir eine Geschichte. Es ging um einen jungen Mann, der wegen einer Leberzirrhose auf die Spenderliste für eine neue Leber kam. Der Mann kämpfte so wie ich und sein Kampf hatte sich gelohnt. Denn er bekam die Leber eines Mannes, der bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Dann erzählte sie mir noch eine Geschichte von einer Frau, die genau wie ich Krebs hatte, aber in der Lunge, auch sie brauchte einen neuen Lungenflügel und auch ihr Kampf zahlte sich aus, weil sie einen Lungenflügel von einem Mann bekam, der bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Dann erzählte sie mir von einem Mädchen. Das Mädchen hatte eine seltene Art von Krebs, die das Herz angreift, das Mädchen kämpfte seit vielen Jahren gegen den Krebs an und am Ende hatte sie ihn mithilfe einer Herzspende von einem Mann, der ebenfalls bei einem Unfall ums Leben gekommen ist, den Krebs überwunden.

„Mom, wer war dieser Mann, der den Unfall hatte?“ fragte ich.

„Der Mann, der den Unfall hatte, war ein Marine. Der Mann, der den Unfall hatte, war Georg.“

Fack ju #Gutenberck – Dinas Geschichte

CovermitTitel13.01.1955 schrieb ich – so ordentlich wie möglich – auf die obere, rechte Ecke des Blattes, um meine gestrigen Erlebnisse zu notieren. Ich führte ein kleines Tagebuch, um mich später an alles erinnern zu können. Alles stand dort drin und würde ich irgendwann sterben, so würde man sich an mich erinnern.

Zu dieser Zeit war ich 11 Jahre alt. Ich wurde ein Jahr vor dem Ende des zweiten Weltkrieges geboren, also 1944, vielleicht sogar auch 1945, in einem kleinen Dorf in der Nähe von Olympia in Griechenland, um genau zu sein in einer kleinen Scheune am 31.12.1944. Da wir die Zeit nicht messen konnten und es schon aufgrund der Jahreszeit recht früh dunkel wurde, weiß man bis heute nicht, ob ich am 31.12.1944 oder am 01.01.1945 das Licht der Welt zum ersten Mal erblickte. Ich schreibe jeden Morgen unter meiner Decke in einen kleinen Notizblock, den meine Eltern zu meiner Geburt geschenkt bekommen hatten. Mein Notizblock war klein und von außen goldbraun mit einem Stift mit Bleimine, den man an der einen Seite des Blockes befestigen konnte. Es sollte mir Intelligenz und Erfolg in meinem Leben bringen.

Es war wie erwartet ein weiterer kalter Morgen. Auf dem weiten Weg zur Schule fror ich am ganzen Körper, denn ich hatte nur eine Jacke aus Schafswolle für das ganze Jahr. Aber ich bin mehr als glücklich gewesen, denn jeden Tag nach dem beschwerlichen Schulweg, sah ich viele Klassenkameraden von mir, die nur mit einem dünnen Hemd bekleidet waren, weil ihre Eltern sich keine weiteren Stoffe leisten konnten. Genau so wenig wie meine. Die meisten Kinder in unserem Dorf hatten leider nicht das große Glück, die Schule überhaupt zu besuchen und meine große Schwester war eine von ihnen. Sie musste sich den ganzen Tag um unsere Tiere kümmern, um unsere Hühner, Ziegen, Schafe und alles, was an einem Bauernhof an Arbeit anfiel. Ich war das zweite von –damals erst- acht Kindern in unserer Familie. Eigentlich war ich die Erstgeborene, doch mein Vater brachte ein Kind mit in die Ehe mit meiner Mutter. Seine erste Frau war durch eine schlimme Krankheit gestorben. Auch wenn sie nur meine große Halbschwester war, liebte ich sie trotzdem, wie alle anderen auch und manchmal sah ich, wie sie in ihr Kissen weinte, weil sie sich um alles kümmern musste und ich zur Schule gehen durfte. Ich fand es ungerecht.

Als ich mit meinen Gedanken wieder in die Realität zurückkehrte, merkte ich erst, dass ich schon längst in der Schule angekommen war und sah wieder manche traurigen Gesichter, die Angst hatten, gleich einen Schlag mit einem dünnen, nassen Stock zu bekommen. Meine Lehrerin benutzte diesen Stock, wenn jemand seine Hausaufgaben nicht oder unordentlich machte, wenn jemand seinen Stift vergaß, bei dreckigen und langen Fingernägeln oder wenn unsere Kleidung schmutzig war. Sie war eine Hexe! Aber ich und alle anderen wussten, dass sie eigentlich nur Gutes im Sinn hatte. Sie wollte uns das Lesen, Schreiben und den Umgang mit Zahlen beibringen. Einen Moment lang, als ich mir versuchte einzureden, dass sie gar nicht so schlimm war, rief sie mich. Alle anderen guckten mich an, weil sie meinen Namen schon zum dritten Mal brüllte, da ich sie vorher nicht gehört hatte. So sehr war ich in meine eigenen Gedanken vertieft.

‟Trissevgeni Bouzalaaaa!!!” Hörte ich sie nur noch schreien, und aus mir kam kein Wort raus. ‟Ja, b-bitte?” Versuchte ich zu erwidern und gleichzeitig meine Angst nicht zum Vorschein zu bringen.

‟Warum hörst du nicht, wenn ich dich rufe? Komm jetzt sofort mit!”

Ohne ein Wort folgte ich ihr in die eine Ecke in unserer Klasse, die für Bestrafungen vorgesehen war.

‟Zeig mir mal deine Handflächen.”

Ich tat, was sie von mir verlangte und wusste genau, was kommen würde. Sie schlug drei Mal mit ihrem Stock auf meine Handflächen. Ich wollte einfach am liebsten nur loslaufen, zu meiner Schwester und ihr alles erzählen, doch ich blieb wie angewurzelt stehen. Die Schmerzen waren so unerträglich. Ich merkte, wie eine Träne über meine Wange lief und meine Hände wurden blutrot. So sehr ich auch versuchte nicht zu weinen, schluchzte ich vor den ganzen Schülern los. Es war mir unendlich peinlich, die ganze Situation war mir peinlich, schließlich war mir das vorher noch nie passiert. Bis jetzt hatte ich immer nur die anderen gesehen, jedoch hätte ich bis zu diesem Zeitpunkt niemals gedacht, dass es so schmerzhaft war und konnte mir nichts Unerträglicheres auf dieser Welt vorstellen. Ich konnte mich gar nicht konzentrieren. Ich hatte jedes Mal, wenn sie mich anguckte, das Gefühl, als hätte ich etwas Böses gemacht. Ich stellte mir schon vor, dass ich dies keinem erzählen würde, nicht einmal meiner Schwester, der ich immer alles erzählte.

Nach dem Unterricht rannte ich mit Tränen in den Augen los. Als ich viel früher als sonst in unserem kleinen Zuhause angekommen war, sah ich meine Schwester mit zwei großen Eimern frischer Milch, die sie wahrscheinlich gerade gemolken hatte. Als ich ihr helfen wollte und meine Hand ausstreckte, um ihr einen Eimer abzunehmen, sah sie die roten Flecken auf meiner Handfläche. Als ich ihrem Blick folgte, merkte ich, dass sie ihre Augen erschrocken zusammenkniff und begriff, was passiert war. Doch wir tauschten kein Wort aus. Im Laufe des Tages half ich meiner Mutter mit meinen jüngeren Geschwistern und meinem Vater auf dem Feld. In der Nacht, als fast alle schon am Schlafen waren, berichtete ich – wie jeden Tag – meiner großen Schwester alles, was ich in der Schule gelernt hatte. Was ich lernte, brachte ich ihr bei und sie war jedes Mal, wenn ich ihr etwas Neues zeigte und sie es verstand, sehr glücklich. Dann sagte sie zu mir, ich wäre die beste Schwester, die man sich wünschen konnte, weil ich ihr ein großes Geschenk machte. Nicht, weil es Geld kostete, sondern weil es etwas war, was man mit Geld nicht kaufen konnte.

Am nächsten Morgen schrieb ich wieder die Sachen, die ich am Vortag erlebte, auf. Mein Leben verlief sehr routiniert bis zu dem Tag, an dem ich die sechste Klasse abgeschlossen hatte. Da erfuhr ich, dass ich nicht mehr zur Schule durfte!

Da viele meiner Geschwister mittlerweile im Alter waren, in dem sie zur Schule gehen konnten, hatte meine Familie nicht mehr die Möglichkeit das zu finanzieren.

Am gleichen Tag erfuhr ich, dass ich mit meiner Mutter und dem Jüngsten von uns nach Athen zum Arbeiten fahren musste. Zum Glück hatten wir dort eine Großtante, die uns sehr helfen würde. Ich arbeitete bei ihrem Mann in einer Manufaktur für Unterwäsche, was allerdings sehr schmerzhaft für mich war. Von dem ganzen Nähen hatte ich mir öfter als ich zählen konnte in meine Handflächen gestochen.

Trotz des ganzen Schmerzes tat ich es gerne, da ich wusste, dass das Geld für meine Geschwister war, damit sie länger als ich zur Schule gehen konnten, damit etwas Großes aus ihnen würde und ich stolz auf sie sein konnte. Auch wenn ich nicht so behandelt wurde, wie es sich gehörte, auch wenn ich jeden Tag auf dem Weg dorthin an meinem ganzen Körper zitterte, machte ich weiter. Ich hatte kein gewöhnliches Leben so wie alle anderen Kinder in der Hauptstadt, die sich morgens auf den Weg zur Schule machten und nachmittags viel Freizeit hatten. Meine Mutter wusste natürlich nichts von dem ganzen und ließ mich bei meiner Tante alleine in Athen und kehrte zurück in unser Dorf. In Athen vergingen die Jahre trotz all dem, dem ich ausgesetzt war, wie im Flug.

06.05.1962

Nach sieben Jahren kehrte ich zum ersten Mal zurück ins Dorf. Ich wusste, dass ich nicht lange bleiben konnte. Ich musste zurück, um wieder zu arbeiten. Bei der Rückkehr in mein Dorf hatte sich alles geändert. Meine Geschwister waren alle älter, größer und für ihr Alter eigentlich schon sehr selbstständig geworden. Als ich sie sah, hatte ich Tränen in den Augen. Mein Herz war wieder zurück an seinen Platz gekommen und ich da, wo ich eigentlich hin gehörte.

Ich hatte jeden in den Arm genommen und fest umarmt. Meine Mutter hatte inzwischen zwei weitere wundervolle Familienmitglieder auf die Welt gebracht und war mit dem elften Kind schwanger. Jedes Mal, wenn jemand aus meiner Familie meinen Namen rief, fühlte es sich für mich an, als würden Engel reden. Ich machte meine Augen zu und genoss die kurzen und wertvollen Sekunden. Es gab nichts für mich, was wichtiger war als meine Familie. So war es, und so würde es auch bleiben. Für immer!

Da meine Schwester schon 20 Jahre alt war, war es Zeit für sie zu heiraten. Sie brauchte auch eine entsprechende Mitgift, bevor sie sich das Jawort gaben. Jeder kümmerte sich um etwas, mein Bruder, der großes Talent als Konditor hatte, backte den Hochzeitskuchen. Mein Onkel kümmerte sich darum, dass wir alle ordentliche Kleidung für die Hochzeit trugen und ließ uns in seinem Haus, in der nächsten Stadt, wo die Hochzeit auch stattfand, schlafen. Es war eine große Hafenstadt an der Westküste Griechenlands. Es war Patra. Von dort aus erreichte man nach einigen Stunden mit der Fähre Italien. Mein Vater fand einen Trauzeugen und damit auch jemanden, der ein Auto besaß, um meine Schwester, wie es sich gehörte, zur Trauung zu fahren. Das Hochzeitskleid nähte ich zusammen mit meiner Schwester. Es war perlweiß und hatte lange Ärmel aus Seide. Das Korsett des Kleides war mit vielen kleinen Perlen bestickt, die ich selbst an dem Kleid befestigte. Der Rock bestand ebenfalls aus Seide und sehr viel Tüll. Das Weiß symbolisierte ihre Reinheit und ihre Unschuld. Wir nähten drei Tage und drei Nächte pausenlos um rechtzeitig fertig zu werden.

19.05.1962

Ich wachte, wie jeden Tag, mitten in den Morgenstunden auf. Es sollte ein sehr langer Tag für mich und meine ganze Familie werden. Ihr Ehebett war schon geschmückt, da es in unserer Kultur üblich ist, dass das Bett von den Frauen der Familie der Braut für die erste Nacht vorbereitet wird. Es wird mit weißen Lacken und weißer Bettwäsche überzogen, schließlich lassen sie ein Baby auf das Bett. Dies soll viele gesunde Kinder mit in die Ehe bringen. All unsere Familienmitglieder kamen schon recht früh zu uns um zu feiern. Nur nicht die Familie des Mannes. Die durfte natürlich nicht kommen. Es würde Unglück in die Ehe bringen, wenn er sie am Hochzeitstag sehen würde. Meine Oma hatte so etwas Ähnliches wie ein Brot gebacken und wir mussten, während meine Schwester saß, dieses Brot über ihrem Kopf, in einem Tuch brechen. Eine weitere abergläubische Sitte aus unserem Dorf.

Die Trauung fand in der schönsten und größten Kirche der Stadt statt. Es war zu dieser Zeit eine Traumhochzeit. Tränen strömten mir über die Wange, als ich sie vor der Kirche sah. Sie war so toll. Eine sehr hübsche Frau, die ein sehr gutes Herz hatte und wusste, was sie vom Leben wollte. Trauzeuge war der Cousin von ihrem Mann, der vergeblich seine Nervosität unterdrückte.

Es war eine wundervolle Hochzeit. Wir feierten bis in die Nacht hinein. Auch wenn unsere Füße schmerzten, tanzten und lachten wir, als wäre nichts gewesen. Um fünf Uhr waren mittlerweile alle nach Hause gegangen nur ich und einige meiner Geschwister halfen beim Aufräumen. Leider kam mein Bus auch schon vier Stunden später, der mich zurück nach Athen brachte. Die schöne Zeit verging wie im Flug. Doch so ist es nun mal, wenn man nach langer Zeit wieder bei seiner Familie ist. Man merkt kein bisschen, wie die Zeit verrinnt.

Zurück in Athen. Zurück in meinem alten Alltag. Ich machte wie vorher auch jeden Tag das schmerzvolle Gleiche und verdiente dabei sehr wenig.

01.07.1969

Ich rannte so schnell wie möglich, um zum großen Platz mit den Bussen zu kommen. Ich war aus der Puste. Doch meine Angst, dass ihm etwas zugestoßen sei, ließ mich nichts anderes spüren! Mein Bus fuhr in 20 Minuten los. Der nächste würde erst in drei Stunden kommen. Das war viel zu spät.

Als ich spät am Abend ankam, sah ich meinen Vater, der mit einer sehr starken Lungenkrankheit im Sterben lag. Meine Mutter schrieb einige Tage zuvor einen Brief an mich, indem sie mich bat, so schnell wie möglich Athen zu verlassen und zurück zu kommen um ihnen zu helfen und vielleicht auch jemanden zum letzten Mal zu sehen, der mir sehr wichtig ist.

Mein Vater, war sehr blass im Gesicht. Nebenbei bemerkte ich, wieviel er an Gewicht verloren hatte. Der Arzt, den meine jüngere Schwester für ihn gerufen hatte, sagte zu mir: “Es wird ein Wunder sein, wenn er diese Nacht noch überlebt!” Ich nickte. Das zu hören war wie mehrere tausend Stiche in meinem Herz. Wie konnte er mir so etwas nur so kaltblütig sagen? Sowas interessierte ihn bestimmt gar nicht. Es war ja schließlich auch nicht sein Vater, der mit geringen Chancen diese Nacht überleben würde. Er gab uns Medizin, die wir ihm geben mussten und versprach am nächsten Morgen wieder zu kommen. Meine Geschwister und ich blieben die ganze Nacht an seinem Bett, obwohl er schlief. Ich hätte niemals gedacht, dass ich mich jemals dafür bedanken würde, aber ich dankte Gott, dass er so laut atmete, so dass es nachts das einzige Geräusch war, was man hörte. In der ganzen Nacht tauschte keiner ein Wort aus. Bei jedem Zucken von ihm erschreckte jeder. Ich und einige andere gingen nacheinander in die kleine Küche, die wir hatten, und beteten mit Tränen in den Augen. Manchmal dachte ich darüber nach, wie wir uns einen Arztbesuch leisten konnten. Irgendjemand aus meiner Familie hat bestimmt mit einem unserer Tiere gehandelt um einen kleinen Sack mit Drachmen zu bekommen. Das kleine Haus wurde langsam heller. Dadurch wussten wir, dass diese Nacht langsam vorbei war. Meine Mutter ging mitten im Morgengrauen los um einen Priester zu holen, der meinen Vater hoffentlich heilen konnte. Wie versprochen kam der Arzt früh am Morgen und untersuchte meinen Vater. Seine gesundheitliche Lage hat sich dabei weder verschlechtert noch verbessert. Mehr konnte er uns nicht sagen. Oder wollte er uns vielleicht gar nichts sagen? Der Arzt verabschiedete sich wieder mit den gleichen Worten. Wir brachten ihn zur Tür hinaus.

Mein Vater fühlte sich dennoch viel besser als gestern. Er redete mit uns, auch wenn es meist nur ein Ja oder ein Nein war. Er lag in Rückenlage in seinem Bett und guckte uns an, bis er auf einmal meine Hand nahm und meinen Namen erwähnte.

“Trissevgeni. Ich bin so stolz auf dich, dass du uns all die Jahre unterstützt hast. Wir hätten dich so gerne bei uns. Es tut mir leid, dass es nicht anders geht, deshalb möchte ich, dass du jemanden kennenlernst… ”

Er hielt inne und wiederholte den letzten Satz:

“ Es tut mir leid, dass es nicht anders geht, deshalb möchte ich, dass du jemanden kennenlernst…”

Und bevor er es beenden konnte, schloss er seine Augen….

13.01.1971

Es war ein eisiger Tag, Frost lag überall. Meine Beine zitterten und fanden keinen Halt. Seit dem Tot meines Vaters war nichts mehr wie früher. Jeder hatte die Lebenslust verloren, die mein Vater uns beigebracht hatte. Große Armut trat in mein Dorf ein und wir waren am meisten davon betroffen. Ernähren konnten wir uns nur von trockenem Brot und Wasser und an manchen Tagen hatten wir nicht einmal das. In diesen Situationen haben wir viele Tiere von unserem Bauernhof verkauft.

Ich war wieder in Athen und arbeitete in einem Laden mit Porzellanware. Alle zwei Monate fuhr ich zu meinem Dorf um zu gucken, ob alles in Ordnung war. Das Geschäft war in einem sehr reichen Stadtviertel und man sah jeden Tag viele verschiedene Leute.

Eines Tages traten viele Männer auf einmal ein. Dies war äußerst ungewöhnlich, da in der Regel nur Frauen an Porzellan interessiert waren. Sie trugen sehr teure Kleidung, die ich vorher nie gesehen hatte. Sie unterhielten sich, aber nicht auf Griechisch. Es war eine Sprache, die ich nicht verstand und kurze Zeit später trat einer von ihnen auf mich zu.

‟Entschuldigung…” Sagte er auf Griechisch und fuhr fort.

‟Sind Sie die Verkäuferin in diesem Laden?”

Ich antwortete nur noch mit einem undeutlich hörbarem Ja. Ich wollte nicht mit ihm reden. Denn er sah alles andere als nett aus. Wegen seinem Akzent konnte ich hören, dass er entweder kein Grieche war oder nicht in Griechenland aufgewachsen ist.

‟Wir beobachten ihre Arbeit schon seit einigen Tagen und haben uns dafür entschieden Sie herzlich in unser Land als Gastarbeiterin einzuladen. Wenn sie die Einladung annehmen möchten, kommen sie doch bitte am 19. Januar um acht Uhr abends zum Hafen von Patras. In Deutschland wird es ihnen viel besser gehen!”

‟Muss ich sonst gar nichts machen?”

Ich fragte nach, denn Gerüchten zufolge war es sehr schwer, als Gastarbeiterin zu arbeiten. Man musste sehr viele Voraussetzungen erfüllen.

Der Mann gab mir einen Zettel und sagte:

‟Entschuldigung. Sie haben Recht. Das hätte ich ja fast vergessen. Nehmen Sie das und gehen sie zum Arzt, der dort drauf steht. Wenn alles in bester Ordnung ist und Sie sich entscheiden nach Deutschland zu kommen, treffen wir Sie wie abgemacht am 19. Januar um acht Uhr abends am Hafen von Patras. Bis in einigen Tagen und auf Wiedersehen. ”

Bevor ich etwas sagen konnte, machte der Mann auf dem Absatz kehrt und verließ mit seinen Leuten den Laden. Er hinterließ mir dabei eine sehr schwere Entscheidung.

15.01.1971

Nach zwei Tagen beschloss ich zurück ins Dorf zu fahren um meiner Familie davon zu erzählen. Doch die Lage hatte sich verschlechtert. Armut war eingetreten. Jeder im Dorf ernährte sich nur noch von trockenem Brot und Wasser.

Ich konnte es nicht mehr ertragen meine Familie in dieser Lage zu sehen. Es brach mir das Herz. Ich musste hier weg!

Noch am selben Tag fuhr ich zurück nach Athen um mein Gesundheitszeugnis zu erlangen. Im Bus holte ich den zerknitternden Zettel mit der Adresse aus meiner Tasche raus. Der Name und die Straße waren mir völlig unbekannt. Ich fragte die Frau neben mir, die in meinem Alter zu sein schien, ob sie vielleicht wüsste, wie ich dahin komme. Als sie ein Blick darauf warf, schien wenigstens ihr diese Adresse bekannt zu sein. Sie fragte mich, ob ich Gastarbeiterin werden wollen würde und sagte, dass sie es auch gerne machen will. Unsere Unterhaltung beinhaltete nur eins: Wie würde unser Leben wohl in Deutschland aussehen? Es war nicht schwierig, zum großen Platz zu gelangen wo sich dieser Arzt befand. Als wir ankamen, war ich sehr verunsichert. Tausende von Männern und Frauen standen in vier verschiedenen Schlangen für die ärztliche Untersuchung mit dem Ziel: Das Land zu verlassen. Männer und Frauen standen getrennt und als ich mich mit der netten Frau, die mir geholfen hatte, hinten in einer Reihe anstellte, sahen wir, wie einige Frauen vor uns sich mit einer Nadel in die Finger stachen. Das Blut was raus lief, haben sie sich an die Wangen und Lippen geschmiert um etwas Farbe im Gesicht zu haben.

Ich betete, dass alles gut lief und zum Glück erfüllte ich alle Anforderungen. Ich ging nach Hause. Gleich am nächsten Morgen würde ich Athen verlassen, meine Sachen vom Dorf nehmen und nach Patra fahren.

Ich packte die wichtigsten Sachen, da ich sehr wenig mitnehmen konnte. Alle im Dorf waren sehr traurig, dass ich das Land verlassen würde. Es tat mir sehr weh. Die Schmerzen fühlten sich an, als würde ich ein großes Loch in meiner Brust haben. Doch ich musste gehen, ich musste in dieses bestimmte Land. Schließlich wurde ich gerufen, um zu helfen das Land wieder aufzubauen. Als Gastarbeiter. Ich wollte nur einige Jahre in diesem fremden Land bleiben.

Meine Mutter und meine neun jüngeren Geschwister begleiteten mich bis zu diesem kleinen Halteplatz, wo der einzige Bus Richtung Patra fuhr. Jeder gab mir eine Kleinigkeit. Das meiste waren Lebensmittel aus unserem Dorf. In Patra würde ich mich noch von meiner großen Schwester verabschieden, da sie nach ihrer Hochzeit dorthin gezogen ist. Später würde ich als erstes die Fähre nehmen und später den Zug.

Es war ein sehr schwerer Abschied, da niemand wusste wann oder ob ich überhaupt wiederkommen würde.

Als ich in Patra angekommen war und aus dem Bus stieg, sah ich von Weitem meine Schwester, wie sie mir entgegen kam. Als sie vor mir stand, drückte sie mich ganz fest und mir fiel Folgendes auf: Als ich sie das letzte Mal sah, waren wir auf der Beerdigung meines Vaters und dieses Mal nahm sie Abschied von mir. Ich war zwar nicht gestorben, aber ich würde in ein fremdes Land reisen.

Sie zeigte mir ihr neues Haus, das erst halb fertig war, aber trotzdem wunderschön aussah. Ich gönnte es ihr. Meine Schwester, so wie meine ganzen anderen Geschwister auch hatten ein sehr großes Herz. Nicht nur für mich, sondern für jeden. Sie behandelten niemanden mit Unrecht. Sie kochte für mich und ihren Mann, der gleich von der Arbeit kommen würde und ich half ihr dabei.

Nach dem Essen, machten wir uns auf dem Weg zum Hafen. Ich wollte noch unbedingt an der Kirche vorbei fahren und eine Kerze anzünden. Doch dafür war es jetzt zu spät. Wir waren angekommen. Ich verabschiedete mich von den beiden und wollte gehen, damit es nicht noch schwerer für mich wird. Meine Schwester gab mir ein kleines Päckchen mit einem kleinen Wörterbuch mit selbstgestrickten Handschuhen, eine dazu passende und selbstgestrickte Mütze mit einem Schal. Sie sagte:

‟Da wo du hinfahren wirst, soll es sehr kalt sein. Ich möchte, dass du auf dich aufpasst und genauso wiederkommst wie du jetzt bist…”

Ich sagte nichts, weil es mir einfach so schwer fiel zu reden. Als ich mich umdrehen wollte um in die Richtung der kleinen Hütte zu gehen, wo ich mir einen Schein kaufen musste, griff sie nach meinem Arm und sprach weiter:

‟…Du musst wissen, ich bin sehr stolz auf dich! Du hast diesen Ehrgeiz von Vater. Er hat auch immer alles getan, nur damit es uns gut geht. Ich möchte, dass du mir immer Briefe schreibst, ich werde für dich jede Nacht beten. Ich weiß, dass du zur Kirche gehen möchtest um eine Kerze an zu machen. Das werde ich für dich tun. Jeden Sonntag.”

Ich fiel ihr wieder in die Arme. Ich wollte nicht gehen. Ich wollte meine Familie nicht zurücklassen nur um Geld zu verdienen. Doch ich musste. Ich hatte keine andere Wahl!

Ich drehte mich um und sah von Weitem den Mann von den deutschen Behörden. Ich ging zu ihm. Da ich nicht die einzige Eingeladene war sagte er einfach:

‟Bleiben Sie bitte alle dicht zusammen! Gehen Sie während der ganzen Reise nicht weit weg”

Dies war der Beginn meiner langen Reise und der Anfang von meinem neuen Leben.

Ein lauter Glockenklang weckte mich auf.

‟ Siderno. Siderno ” rief der Kapitän mehrere Male hintereinander. Ich saß während der ganzen Zeit auf einem engen Stuhl und mein Kopf war an etwas Hartes angelehnt. Ich merkte, wie alle Passagiere die Fähre verließen und meine Gruppe wartete nur auf mich. Ich nahm mein Koffer und folgte ihnen.

Ein großer Bus fuhr uns zum Bahnhof. Von dort aus wurden wir aufgefordert in einen Zug zu steigen, der uns nach München fahren würde. Die Zugfahrt war unendlich lang. Es sollte ein ganzer Tag und eine ganze Nacht dauern. Der Zug an sich war dunkelgrau von außen und hatte sieben Waggons. Wir stiegen alle zusammen in ein vorgegebenes ein. Schließlich durften wir uns nicht trennen. Im Zug gab es abgetrennte Kabinen. In jede Kabine passten vier Leute rein. Jeweils zwei Sitze lagen sich gegenüber, sie waren mit weinrotem, abgenutztem Leder überzogen und boten trotz Nackenlehne keinerlei Komfort und noch strahlte durch das Fenster die Sonne. Männer und Frauen wurden wieder voneinander getrennt und dementsprechend saß ich mit drei weiteren Frauen in einer Kabine.

Wir unterhielten uns über viele verschiedene Sachen. Jede von uns war anders aufgewachsen, doch wir hatten alle den gleichen Grund in diesem Zug zu sitzen. Wir teilten dasselbe Schicksal.

Eine von ihnen ließ ihr Kind zurück, das gerade mal zwei Monate alt war. Als ich das hörte, merkte ich, wie blass ich im Gesicht wurde.

Als die Dunkelheit eintraf, waren die zwei Frauen von der gegenüberliegenden Seite eingeschlafen. Ich wunderte mich, wie das nur gehen konnte. Wie konnten zwei Frauen friedlich schlafen, obwohl sie nicht wussten wo sie hinfahren und was sie erwarten wird? Ich hatte ein ganz mulmiges Gefühl im Bauch. Außerdem waren die Sitze, auf denen wir saßen, sehr unangenehm und alt. Teilweise waren sie durchlöchert. Kurze Zeit später war auch die Frau neben mir eingeschlafen.

Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Ich stellte mir vor wie es sein wird, wenn wir angekommen sind. Ob es schneien oder regnen wird? Oder wird es einfach nur kalt sein? Es waren viele Fragen in meinem Kopf. Manchmal guckte ich vergeblich aus dem Fenster, in der Hoffnung etwas erkennen zu können. Oder ich versuchte mir auszumalen wie die anderen Frauen sich das vorstellten. Ich hatte Hunger. Durst hatte ich auch. Das letzte Mal als ich etwas in meinen Mund genommen hatte, waren wir noch in Griechenland und das musste mittlerweile vor fast 24 Stunden gewesen sein.

20.01.1971

Am nächsten Morgen sah ich kaum etwas draußen aufgrund des ganzen Schnees. Alles war weiß. Es war so schön, schließlich hatte ich noch nie vorher so viel Schnee gesehen. Plötzlich kam eine ganz fremde Frau in unserer Kabine, die ich zuvor noch nie gesehen hatte. Sie trug mit beiden Händen ein Tablett, das sie an eine der Frauen von gegenüber gab. Sie ging raus und wir restlichen Drei sahen, was auf dem Tablett war. Eine Tasse mit Kaffee und daneben ein Teller mit einem Gebäck drauf. Ich hatte schon mal davon gehört, es war ganz bekannt. Jedoch wusste ich nicht wie das hieß. In dem Blick der anderen beiden Frauen erkannte ich den Neid. Doch wir bekamen auch jeweils ein Tablett mit den gleichen Sachen.

Ich konnte nicht wirklich sagen, wie lange es dauerte bis wir ankamen. Mir kam es so vor, als wären wir tagelang in diesem Zug. Wir wurden von dem Mann, der sehr schlechtes Griechisch sprach, aufgefordert auszusteigen, sobald der Zug anhielt.

Wir zogen unsere Jacken an und ich packte das Päckchen mit den gestrickten Sachen aus, da ich sah, dass es draußen eiskalt sein musste. Ich stieg aus dem Zug und spürte die Kälte. Es kam mir vor, als wäre ich in einem Haufen mit tausend Nadeln getreten. Im selben Moment wehte ein starker und kalter Wind in mein Gesicht. Der Schnee reichte mir fast bis zu den Knien. Viele Menschen stiegen aus dem Zug aus und ich hörte, wie einige von ihnen miteinander redeten. Sie sprachen italienisch, glaube ich.

Ich hatte ein wenig am Hafen mitbekommen und das, was ich in diesem Moment hörte, war genau gleich. Dann hörte ich noch Gemurmel in einer ganz anderen Sprache. Es mussten Leute aus ganz Europa hier sein.

Nach langem Warten in der Kälte wurden wir in verschiedenen Gruppen eingeteilt. Die Gruppe, in der ich war, ging als erstes los. Wir blieben am Bahnhof, jedoch wechselten wir das Gleis. Wir stiegen in einen weiteren Zug ein. Diesmal hatten wir keine Kabinen, sondern es gab vier verschiedene Reihen und in der Mitte einen Gang. Ich versuchte einen besseren Sitzplatz als eben zu finden und ging einige Meter bevor ich einen fand. Ich setzte mich hin und versuchte es mir einigermaßen gemütlich zu machen. Naja, zumindest habe ich versucht es mir einzureden. Hier waren die Sitze blau mit grünen Punkten. Der Zug fuhr los.

Nach jeder Haltestelle kam ein Mann zu mir und kontrollierte unsere Ausweise. Er guckte mich kurz an, wahrscheinlich um das Bild mit mir zu vergleichen, nickte zufrieden, überreichte mir meinen Ausweis wieder und ging.

Ich wusste nicht genau wo wir waren. Das einzige, was ich wusste, war, dass wir mittlerweile weit von München entfernt sein mussten, da wir schon lange unterwegs waren.

Ich merkte, wie der Zug nach jeder Haltestelle langsam leerer wurde. Woher wussten all die Leute wo sie aussteigen sollten?

Als ich mich darüber wunderte, kam wieder dieser Mann und wollte wieder meinen Ausweis sehen. Ich war mir nicht sicher, wie oft er ihn schon gesehen hatte. Sieben Mal? Acht Mal? Aber diesmal versuchte er mir irgendetwas zu sagen:

‟Sie müssen beim nächsten Halt aussteigen.”

Ich glaube, die Verwirrung stand mir ins Gesicht geschrieben. Er versuchte sich so auszudrücken, dass ich ihn verstand.

‟Sie müssen jetzt aus-stei-gen.”

Das letzte Wort betonte er besonders. Es musste wahrscheinlich wichtig sein. Mir fiel das Wörterbuch in der Tasche ein, das meine Schwester mir geschenkt hatte. Ich holte es raus und reichte es ihm. Er blätterte ein paar Mal und zeigte mir dann ein Wort. Als ich die Übersetzung las, sprang ich auf, zog meine Jacke aus und ging Richtung Tür. Er sagte nur noch:

‟Warten Sie hier, es wird jemand kommen und sie abholen.”

Ich verstand kein einziges Wort und stieg trotzdem aus.

Eine Frau, die mit mir ausgestiegen war, sah mich an und sagte auf Griechisch:

‟Der Man hat zu uns gesagt, wir sollen hier auf jemanden warten, der uns abholen kommt.”

‟Du kannst die Sprache?”

‟Naja, ein bisschen. Ich war letztes Jahr für einige Monate hier. Bin zurückgefahren, weil meine Mutter schwer krank geworden ist.”

Ich lächelte sie nur an, weil mir nichts einfiel, was ich darauf sagen konnte. Erst stellte sie sich vor und dann ich. Sie fragte mich warum ich hergekommen war und was ich mir vorgestellt hatte. Eine kurze Zeit später sah ich von Weitem einen Mann, der auf uns zukam.

‟Guten Tag meine Damen, Willkommen in Hannover. Ich bin Herr Sidiris, sind Sie Frau Bouzala und Frau Papadopoulous?” fragte uns der Mann auf Griechisch. Er schien sehr sympathisch zu sein

‟JA!” antwortete die Frau überzeugt. Ich nickte nur.

‟Na dann, kommen Sie bitte mit mir. Ich werde Sie zu Ihrem Wohnheim bringen und ihnen dort alles zeigen.”

Wir folgten ihm und gingen zu einem Auto. Sehr schnell waren wir angekommen.

Am Wohnheim angekommen zeigte er uns ein Zimmer mit einem Bett, welches wahrscheinlich zusammengebaut war. Eins oben und eins darunter. Sowas hatte ich noch nie zuvor gesehen.

‟Ihre Arbeit fängt um 8 Uhr an. Frühstück gibt es von 7 bis 7:30 Uhr. Mittagessen in der Mittagspause, die von 12:30 bis 13:30 Uhr geht. Feierabend haben sie um 17 Uhr und danach gibt es Abendessen von 18 bis 19 Uhr.”

24.01.1971

Ich lag krank in meinem Bett. Ich war allergisch gegen die Stoffe, mit denen wir arbeiteten. Meine Zimmergenossin half mir dabei mit unserem Abteilungsleiter zu sprechen, um mich woanders hin zu versetzen. Ich sollte morgen von jemandem abgeholt werden.

30.01.1971

Ich wurde in einem kleinen Ort mit dem Namen Neuss versetzt. Hier war es auf jeden Fall besser als in Hannover. Es gab Einzelbetten und ich war nicht gegen die Stoffe allergisch.

26.03.1971

Ich lernte nach einiger Zeit viele Leute kennen, die aus unterschiedlichen Ländern waren. Ich lernte, wie man einkaufen geht und meinen ersten Brief an meine Schwester hatte ich auch schon geschrieben. Ich hatte eine Freundin, die mir sehr nahe stand. Sie bat mir sogar an bei ihr zu wohnen. Was ich auch tat. Wir gingen oft spazieren und redeten sehr viel miteinander. Aus Spaß sagte sie dann zu mir:

‟Wenn du mal heiraten solltest, werde ich deine Trauzeugin.”

Ich dachte nie darüber nach zu heiraten. Sondern eher nach einiger Zeit zu meiner Familie zurück zu kehren.

‟Komm, ich muss dir jemanden vorstellen.”

Ohne etwas zu sagen, folgte ich ihr. Wen wollte sie mir vorstellen?

Wir gingen in ein Café, in dem nur Männer saßen. Ich schämte mich sehr. Sie ging auf zwei Männer zu und begrüßte sie.

‟Hallo. Kann ich euch jemanden vorstellen? Das ist Trissevgeni, sie ist eine Gastarbeiterin aus unserem Heimatland.”

Sie drehte sich in meine Richtung und sprach weiter:

‟Das ist Petros, mein großer Bruder und das ist Konstantinos, ein sehr guter Freund von ihm.”

Petros lächelte mich an und Konstantinos reichte mir seine Hand. Ich blieb mal wieder wie angewurzelt stehen.

‟Es freut mich, Sie kennenzulernen.” kam aus Konstantinos Mund. Ab diesem Tag wollte ich heiraten.

22.09.2008

‟Wir heirateten, bekamen erst deine Tante, dann deinen Papa und er lernte deine Mama kennen und bekam dann dich. Gute Nacht, schlaf gut und träum süß, es ist schon sehr spät. Du hast zwar heute Geburtstag, aber morgen ist trotzdem Schule und ich möchte nie mehr hören, dass du nicht zur Schule gehen möchtest. Sowas ist Gottes Geschenk. Merke es dir!” sagte ich und gab meiner Enkeltochter einen Kuss auf die Stirn.

‟Och Oma, es war gerade so spannend. Erzähl mir bitte noch mehr. Ich werde dir ab sofort versprechen, dass ich immer gerne zur Schule gehen werde. Nur um dich glücklich zu machen.”

Ich musste grinsen, ich gab ihr noch einen Kuss und wünschte ihr noch eine gute Nacht. Ich verließ das Zimmer, knipste das Licht aus und ging ebenfalls in mein Bett.

Fack ju #Gutenberck – Dennis und Mounirs Geschichte

CovermitTitelFerien in Guantanamo

Letzter Aufruf für den Flug nach Havanna. „Ey Jungs, wir müssen uns beeilen“, sagte Mike. Die Gruppe rannte von Gate zu Gate. Leo war erleichtert, dass er ungeschoren durch die Kontrolle kam, weil er fünf Gramm Marihuana dabei hatte. Als sie im Flugzeug saßen, bekam Vanessa etwas Flugangst, doch ihr Freund André saß neben ihr und beruhigte sie. Das Flugzeug startete. Die Gruppe war voller Vorfreude, die jedoch nicht lange anhalten sollte.

Nach acht Stunden Flug geriet das Flugzeug in starke Turbolenzen. Die Passagiere waren sehr unruhig. Der Pilot gab das Zeichen zum Anschnallen. Marina ging zur Toilette. Das Flugzeug wurde durch die starken Turbulenzen hin- und hergerissen. Marina stieß sich in der Toilette ihren Kopf am Spiegel und fiel in Ohnmacht. Nach einer dreiviertel Stunde bemerkte Leo, dass Marina immer noch nicht von der Toilette zurückgekommen war. Er ging zur Toilette und rief ihren Namen, doch sie antwortete nicht. Er ging zur Stewardess und sagte ihr Bescheid. Sie öffneten die Türe von außen und sahen sie dort liegen. Sie sahen, dass sie eine Platzwunde am Kopf hatte. Die Stewardess brachte Marina an ihren Platz und versorgte sie. Mike vergewisserte sich, dass mit der Gruppe alles in Ordnung war.

Der Pilot machte eine Ansage. „Bitte bleiben Sie an ihren Plätzen sitzen. Wir werden in ein Gewitter geraten, doch es gibt keinen Grund zur Sorge.“

Vanessa klammerte sich an ihren Freund und sagte: „Ich habe Angst.“

Er antwortete: „Nicht mehr lange und dann ist es geschafft.“

Es rüttelte ganz schön im Flugzeug. Plötzlich traf ein Blitz die beiden rechten Triebwerke. Es fing an zu brennen. Die Passagiere schrien: „Feuer, Feuer am Triebwerk!“

Das Flugzeug konnte nicht mit zwei Triebwerken fliegen, es brauchte mindestens drei. Das Flugzeug stürzte aus zwölftausend Metern Höhe in das Karibische Meer. Mitten ins Nirgendwo.

„Landeten sie? Wo sind wir?“, fragten sich die Passagiere. Keiner wusste wo sie waren, aber sie bemerkten schnell, dass sie nicht dort waren, wo sie sein sollten. Ihnen fehlte nur noch eine Stunde bis Havanna. Anscheinend waren sie in der Karibik ungefähr einhundert Kilometer vor Havanna entfernt gelandet. Die Türen des Flugzeugs wurden zu schwimmenden Booten. An Bord befand sich Proviant, eine Leuchtkanone mit fünf Patronen, ein Fischernetz, Taschenlampen, eine Axt, eine Schaufel und ein Radio sowie Schreibzeug. André hatte einen Film gesehen, in dem gezeigt wurde, dass es gut war etwas zu Schreiben zu haben.

Das gesamte Gepäck der Passagiere befand sich noch im Flugzeug. André, Vanessa, Marina, Leo und Mike saßen zusammen mit anderen Passagieren im Rettungsboot. Leo und Marina hatten ihr Handgepäck dabei, denn Leo wusste: egal, in was für eine Situation er käme, ohne sein Rauchzeug gehe es nirgendwo hin und Marina war die Art von Mädchen, die ihre Handtasche nie aus den Augen ließ. Es wurde langsam Abend. Die Gruppe versuchte, das Beste aus der Situation zu machen.

Mike fragte in die Runde, ob jemand die Uhrzeit wüsste. Leo hatte zum Glück eine Armbanduhr. Gegen ein Uhr nachts bekamen die meisten Hunger. André packte sich das Netz und warf es ins Wasser. Nach zwanzig Minuten gerieten einige kleinere Fische ins Netz. Sofort dachte jeder nur an sich, denn alle griffen in das Netz ohne Rücksicht auf Verluste und jeder nahm, so viel er nur kriegen konnte.

André stellte den Bunsenbrenner auf, nahm die Axt, spießte die Fische darauf und hielt sie über den Brenner.

Die Zeit verging schleppend. Es wurde dunkel. Jeder versuchte zu schlafen. Einige blieben wach, sie konnten einfach nicht schlafen. Wie viele Kilometer sie schaffen würden wusste keiner. Vermutlich siebzig oder achtzig.

Am nächsten Morgen wachte Leo als erster auf. Er guckte sich um. Vor ihm war Wasser, aber hinter ihm war Land. Alles voll mit Sand. Weiter hinten war alles voll mit Bäumen und Büschen. Leo weckte Mike und André. Er wollte gemeinsam mit seinen Freunden rauchen. Zehn Minuten später weckten sie die Mädchen. Marina bemerkte weit hinter den Bäumen einen Turm. Sie machten sich auf in seine Richtung. Er glich einem Wachturm.

Vanessa rief: „Ey, Leute, seht euch das an!“ Dort war ein Schild mit der Aufschrift Precaución. Prohibida la entrada. in den Sand gesteckt worden. Vanessa konnte ein wenig spanisch und übersetzte Vorsicht. Zutritt verboten.

Sie wussten nun, sie befanden sich an einem Ort, an dem man Spanisch sprach. Sie gingen weiter. Es dauerte etwa drei Minuten, bis sie in der Nähe des Turms waren. Sie blickten auf ein weiteres Schild You are entering Guantanamo. Darunter stand es noch einmal auf Spanisch.

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