Virtuelles „erfahren“ der ersten Etappe der Tour de France am Düsseldorfer Rheinufer bei der Preisverleihung zum Schreibwettbewerb „Rad- und Stadtgeschichten“

Geschichten erfinden und erleben:
Kreatives Schreiben in der Kinder- und Jugendbibliothek
von Martina Leschner

Die Kinder- und Jugendbibliothek macht mit ihren attraktiven Büchern und anregenden Veranstaltungen Lust auf das Lesen. Dabei umfasst die Faszination für Literatur neben dem Lesen auch das Schreiben eigener Texte. Kinder und Jugendliche möchten Geschichten nicht nur nacherleben, sondern auch ihre eigenen Ideen kreativ gestalten und Texte selbst schreiben. Dabei spielen die Stadtbüchereien als Literaturinstitut und erste Anlaufstelle für Lese- und Schreibbegeisterte eine zentrale Rolle: Sie bieten eigene Schreibwerkstätten an und sind Ansprechpartner für Kinder und Jugendliche, die Angebote in ihrem Umfeld suchen.

Schreibwettbewerb „Rad- und Stadtgeschichten“
Aus Anlass des Grand Départs der Tour de France, der 2017 in Düsseldorf stattfand, lobte die Bertold Heinze Stiftung einen Schreibwettbewerb aus. Unter dem Titel „Rad- und Stadtgeschichten“ waren Kinder zwischen acht und zwölf Jahren eingeladen, ihre Ideen zum Thema Tour de France und zu ihren Fahrradabenteuern in Düsseldorf zu Papier zu bringen. Dass das Thema ein Volltreffer war und Kinder nicht nur das Radfahren, sondern auch das Schreiben fantasievoller Geschichten lieben, belegen die zahlreichen Beiträge. 104 Kinder nahmen teil und reichten Erzählungen, Foto- und Bildergeschichten, kleine Gedichte und sogar eine Fahrradrallye zum Nachradeln ein. Sehr beeindruckt zeigte sich die Jury nicht nur von der Fantasie und Erzählfreude der Kinder, sondern auch von der Ernsthaftigkeit vieler Geschichten. Neben klassischen Themen wie Wettrennen oder Fahrraddiebstahl waren vielen Kindern Werte wie Selbstvertrauen, Freundschaft, Gerechtigkeit und Rücksichtnahme auf Jüngere ein Herzensanliegen. Dies brachten sie in ihren Geschichten sehr bewegend zum Ausdruck.
Natürlich motivierte auch der attraktive Hauptpreis zur Teilnahme, ein Gutschein für ein neues Fahrrad. Die Gewinne wurden in feierlichem Rahmen in der Zentralbibliothek verliehen. Über den ersten Preis freute sich die neunjährige Julia, die die Jury mit ihrer originellen Geschichte über Jan Wellem überzeugte – laut Julia der eigentliche Erfinder des Fahrrads und Ideengeber für Karl von Drais.
Nach der Siegerehrung wartete ein besonderer Programmpunkt auf die jungen Autorinnen und Autoren. Bei der „Grand Départ-Roadshow“ konnten sie auf zwei Radstationen die Highlights der 1. Etappe der Tour de France quer durch Düsseldorf virtuell „erfahren“. Auf Rennrädern und mit Virtual-Reality-Brillen ausgestattet, rasten sie über die Oberkasseler Brücke und am Rheinufer entlang. Ein Highlight für kleine und große Radfahrer und für viele die erste Begegnung mit der Virtual Reality!

Team Kinder- und Jugendbibliothek der Zentralbibliothek: Jenny Byczkowski, Stefanie Schinken, Sandra Kügler (oben v.l.n.r.) Michaela Hutzheimer, Martina Leschner, Carolin Hollmann (unten v.l.n.r.)

Schreibland NRW – Schreib mit!
Bei der Aktion „Schreibland NRW – Schreib mit!“ handelt es sich um einen Schreibkurs für Kinder und Jugendliche. Unter dem Motto „Sprachtalent trifft Schreibwerkstatt“ waren 10- bis 14-Jährige eingeladen, in einem mehrwöchigen Kurs kreatives Schreiben zu lernen. Was brauche ich für eine gute Geschichte? Wie fange ich eine Idee ein und was macht einen guten Anfang aus? Diese und andere Fragen beantwortete die Düsseldorfer Schriftstellerin, Moderatorin und Literaturvermittlerin Pamela Granderath, die die Schreibwerkstatt professionell anleitete. Bei jedem Schreibtermin vermittelte sie umfangreiches „Handwerkszeug“ z.B. zu Spannungsbögen oder der Charakterisierung von Protagonisten. Die Teilnehmenden hatten ausreichend Zeit, eigene Geschichten zu schreiben und das neu Erlernte direkt umzusetzen. Natürlich wurden die entstandenen Texte in der Gruppe besprochen und die Schreibenden bekamen ein direktes Feedback und Anregungen zur Überarbeitung des Textes, bis am Ende eine eigene gelungene Erzählung stand. Dabei war kein Thema vorgegeben, sondern die jungen Schriftsteller wählten als Schwerpunkt das Verfassen spannender Geschichten rund um die eigene Identität. Schreibland NRW ist ein gemeinsames Projekt des Literaturbüros NRW e.V. Düsseldorf und des Verbandes der Bibliotheken des Landes Nordrhein-Westfalen e.V. und fand 2017 parallel in 24 Bibliotheken und anderen Literaturorten statt.

LEGO® Education StoryStarter
Neben den klassischen Schreibwerkstätten, die außer Fantasie lediglich Papier und Bleistift benötigen, erprobten die Stadtbüchereien auch Veranstaltungen zum kreativen Schreiben mit digitalen Formaten wie dem „LEGO® Education StoryStarter“. Dieser verbindet das klassische LEGO®-Bauen mit kreativem Schreiben und digitaler Medienkompetenz und ist damit hoch motivierend für Kinder – auch für jene ohne Vorliebe für das Lesen und Geschichtenschreiben. Spielerisch fördert er die Lese-, Schreib- und Sprachfertigkeiten von Kindern. So funktioniert der „LEGO® Education Story-Starter“: Zunächst überlegen sich die Kinder eine Handlungsidee sowie handelnde Personen und entwickeln daraus eine kleine Geschichte. Alternativ
kann ein Text oder eine Szene aus einem Kinderbuch umgesetzt werden. Anschließend bauen die Kinder mit LEGO®-Steinen ihre Geschichte mit Räumen, Szenen und Personen nach. Dazu stehen verschiedene Baukästen zur Verfügung mit den unterschiedlichsten Steinen, Figuren, Requisiten, Spezialelementen und Bauplatten. Die Geschichte wird Szene für Szene nachgebaut, jede Szene fotografiert und dazu die passenden Texte geschrieben. Nun können die Kinder mit einer leicht zu bedienenden Software und einem Tablet-PC ihre Geschichten fertigstellen: Fotos und Texte werden digital zu individuellen Bildergeschichten, Märchenbüchern, kurzen Krimis oder Comics zusammengebaut. So entstanden in kurzer Zeit und mit viel Spaß kreative Geschichten – darunter sogar eine neues Abenteuer von Harry Potter!

SCHREIB-BAR
Eine Schreibwerkstatt für die besondere Zielgruppe der jugendlichen Flüchtlinge und Migranten war die „SCHREIB-BAR“. Dieses Projekt wurde unter Federführung des Literaturbüro NRW e.V. in Kooperation mit den Stadtbüchereien, dem GerhartHauptmann-Haus und der Literaturvermittlerin Ursula Nowak erfolgreich erprobt. Ziel war es, bei den Jugendlichen die Lese- und Schreiblust in der neuen Sprache zu wecken und auf Angebote rund um Bücher und Literatur in ihrer neuen Heimatstadt Düsseldorf aufmerksam zu machen. Und nicht zuletzt ging es darum, einen außerschulischen Ort zu bieten, um sich auszutauschen und Spaß zu haben. 23 jugendliche Migrantinnen und Migranten im Alter von 12 bis 17 Jahren trafen sich mehrere Wochen lang regelmäßig, um gemeinsam Geschichten zu erfinden und zu Papier zu bringen. Ihre Hauptmotivation war zunächst, besser die deutsche Sprache zu lernen. Unter Anleitung von Ursula Nowak schrieben alle eine eigene Geschichte und banden sie zu einem selbstgestalteten Buch.
Ihre Themen wählten die jungen Menschen selbst. Viele der entstandenen Geschichten handeln vom Neubeginn: vom Finden neuer Freunde in einem neuen Land, aber auch vom Zurücklassen der alten Freunde, vom Überwinden von Problemen – und die meisten gehen am Ende gut aus! Der Workshop wurde begleitet von Veranstaltungen in der Zentralbibliothek rund ums Buch: darunter eine Bibliotheksführung auch durch die „verborgenen Räume“ und eine Lesung mit der Jugendbuchautorin Julya Rabinowich. In ihrem Buch „Dazwischen ich“ erzählt sie eine bewegende und authentische Geschichte über Freundschaft, Migration und das Erwachsenwerden in Zeiten von Krieg und Verfolgung und war damit eine gefragte Gesprächspartnerin für die Jugendlichen. Am 27. Juni feierten die Jugendlichen mit ihren Eltern, Freunden, Lehrern und Unterstützern den Abschluss ihrer SCHREIB-BAR: Sie lasen vor einem großen Publikum Ausschnitte aus ihren Geschichten vor – eine bemerkenswerte Leistung nach erst einem Jahr Deutschunterricht!

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