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Ein Gastbeitrag unserer Leserin Tatjana

„Das ist echt cool!“ – meine 12jährige Nichte aus Russland guckt erstaunt wie ich die DVDs und Bücher in einen metallenen Kasten in der Wand reinlege. Kurz darauf gibt mir die Maschine eine Quittung dazu und noch eine Liste mit allen meinen Ausleihen. Ich kann sie gut verstehen, denn auch für mich, nach über 15 Jahren in Deutschland, ist es jedes Mal unbegreiflich. Ich bin begeistert von aller Art nützlichen Maschinen. Aber es fühlt sich so seltsam an, in einer Bibliothek so ganz ohne eine „bibliothekarsha“ (Russisch für Bibliothekarin) auszukommen, diese Dame unbestimmten Alters mit strengem Blick über die Brille, die Strickjacken und lange Röcke trug und ohne die man in meiner russischen Kindheit und Jugend keine richtige „biblioteka“ vorstellen konnte.

Sie saß immer an einem Holztisch mit Karteikästen aus Pappe vor sich, und behielt die Ausgangstür und Besucher gut im Blick. Man sprach zu dieser Dame sehr höflich und leise, denn sie hatte die alleinige Macht über die Bücher und die Besucher-Kartei. War sie einem wohlgesinnt, so schob sie einen der Kästen auf ihrem Tisch näher zu sich und blätterte die handschriftlich beschriebenen Kärtchen durch, bis sie etwas Passendes fand. Was es im Raum nicht gab, das gab es nicht. Und falls doch, schickte die Dame den geduldig wartenden Besucher zum richtigen Regal. Manchmal verschwand sie auch selbst im Inneren des Regaldschungels und kam nach einer Weile wieder hervor mit einem Buch. Dieses trug sie ordentlich mit einem Stift auf die persönliche Besucherkarte ein. „Sie wissen noch, dass Sie noch einen Titel nicht zurückgegeben haben? Er war gestern fällig!“ sagte sie mit Nachdruck, während sie auch im Buch selbst die Rückgabefrist notierte – “Denken Sie daran! Bis Sie es zurückbringen, bekommen Sie keine weiteren ausgeliehen.“ Aber ja, versicherte man schuldbewusst, man denke unbedingt daran, man habe es bloß heute vergessen… Könnte es um eine Woche verlängert werden? Pozhalujsta (Russisch für Bitte)? Das mitgenommene Buch hatte etwas von einer erbeuteten Trophäe oder einem Glücksfund, wurde es doch einem gestattet, es für eine kurze Weile zu besitzen. Auf dem eingeklebten Frist-Zettel sah man die Namen der Personen, die das Buch vor einem ausgeliehen hatten und von denen auch manchmal die Bleistift-Markierungen im Text stammten. Ich schaute ab und zu beim Aufschlagen der Lektüre zu Hause auf den Zettel und dachte darüber nach, wer wohl diese Menschen waren, die erst vor kurzem dieselben Seiten lasen. Und dann erkannte ich mit Schrecken: ich hatte es wieder getan. Ich hatte erneut die Frist versäumt. Die Bibliothekarin wird mich bestimmt umbringen und – noch schlimmer – mir nie, nie wieder ein Buch von ihren Regalen geben!…

Meine junge Nichte, die nun aus dem nördlichem Russland in Düsseldorf zu Besuch ist, kennt diese zeitlose und allgegenwärtige strenge Gestalt in der Strickjacke auch. Diese wurde also noch nicht durch die effizienten Such-, Ausleih- und Rückgabe-Maschinen ersetzt, das hat etwas Tröstliches an sich. Vielleicht sollte die „Bücherei-Queen“ aus meiner Jugend sogar überhaupt als Rarität unter Schutz gestellt werden. Ob sie wohl schockiert wäre über den „Chaoszustand“ hier in Düsseldorf: ständiger Verkehr, jeder kommt und geht wie er möchte und nimmt stapelweise Bücher mit und sogar noch Musik und Filme, einfach nur so, und behält sie auch noch über Monate – wo kommt man denn hin, wie bleibt man dann noch Herr der Lage?! Doch über die Bücherregale zu „herrschen“ und zu wachen ist auch nicht die Rolle der Mitarbeiter hier, zumindest wie ich als Besucher sie sehe. Die Kundenkonten und Kataloge sind in die Rechner eingespeist, der Ausgang wird von einem Magnetrahmen bewacht und die Regalreihen füllen und ordnen sich scheinbar ganz von allein, durch eine schnelle unsichtbare Hand… Die Bücherei ähnelt einem offenen Wohnzimmer mit einem riesigen Bücherschrank und ich weiß, dass die Mitarbeiter mir dabei helfen, mich in diesem Raum zurecht zu finden. Sie beantworten Fragen die mir Maschinen nicht beantworten konnten. Sie gehen ans Telefon und verlängern für mich die Ausleihen, wenn ich vor Erkältung flach liege oder mein Internetempfang streikt. Sie legen die neuesten Bücher raus, als Einladung zum Schmökern. Sie erledigen hunderte mir unbekannte Hintergrund-Arbeiten, um dieses öffentliche „Wohnzimmer“ in der Realwelt und virtuell ordentlich und einladend zu erhalten. Sie tragen oft Hosen und nur selten Strickjacken.

Ich entdeckte die Stadtbüchereien für mich in Deutschland wieder; sie zu nutzen ist so viel anders als „früher“, in erster Linie so viel praktischer und einfacher. Wichtig ist aber, dass eine Bücherei nicht weniger menschlich geworden ist, obwohl es nun ein Automat ist, der die Bücher ausgibt und entgegen nimmt. Und als Bonus – er schaut dabei nie vorwurfsvoll.

Vielen Dank, Tatjana, es hat wirklich Spaß gemacht, diesen Beitrag zu lesen. 🙂

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