Rafael: La scuola di Atene (Ausschnitt mit Platon und Aristoteles)
Rafael: La scuola di Atene (Ausschnitt mit Platon und Aristoteles)

„Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen“, mit diesem Satz beginnt der wohl folgenreichste Text der Philosophie. Der Satz ist ein Fanal. Wissen und der Zugang zur Erkenntnis sowie das Wissen um genau diesen Sachverhalt war fortan keine exklusive Domäne der Herrschenden in der antiken Sklavenhaltergesellschaft, sondern gehörte fortan zur conditio humana.

2016 gedenken wir nicht nur der 400. Todestage von Miguel de Cervantes und William Shakespeare, sondern auch des 2400. Geburtstages von Aristoteles, der 384 vor Christus in Stagira geboren wurde. Als bedeutendster Schüler von Platon folgte er seinem Lehrer aber nicht als Nachfolger in dessen Akademie, sondern gründete seine eigene Schule. Bereits in dem Umstand zeigt sich ein erheblicher Unterschied zu Platon. Während dieser als Bürger von Athen Grundeigentum erwerben konnte, war dies Aristoteles als Migrant, als Metöke verwehrt. Obwohl er als Erzieher von Alexander an den makedonischen Königshof geholt worden war, blieb seine gesellschaftliche und politische Stellung in Athen, dem geistigen Zentrum der antiken Welt, inferior. Kein Sklave, aber auch kein Bürger, zwar wohlhabend, aber nur geduldet, nur ein Zugereister, ein Reisender in der realen wie der geistigen Welt.

Die Beschreibung von Aristoteles als Universalgelehrtem greift zu kurz. Gottfried Wilhelm Leibniz, dessen 300. Todestag wir auch in diesem Jahr gedenken, war der letzte Universalgelehrte im dem Sinne, dass er alle wissenschaftlichen Disziplinen seiner Zeit überblickte, beherrschte und in allen neue Erkenntnisse erlangte. Aristoteles war mehr als ein Universalgelehrter in diesem Sinne, er gründete viele uns heute bekannte Wissenschaften wie Biologie und Physik, Ethik und Logik, Poetik und Wissenschaftstheorie, Hermeneutik und Politologie, er schuf ein umfangreiches Vokabular wissenschaftlicher Begriffe, die wir heute immer noch verwenden. Seine Erkenntnismethoden unterschieden sich dabei vielfach nicht grundlegend vor den heutigen: Er untersuchte und kritisierte die Meinungen seiner Zeitgenossen und Vorgänger durch Diskussionen und Lektüre, er beobachtete, er experimentierte, er schuf neue Begriffe für die erkannten Sachverhalte, er veröffentlichte seine Erkenntnisse, er lehrte. Anders als bei Platon sind uns aber von seinen Schriften lediglich seine Vorlesungsmanuskripte überliefert. Die Lektüre dieser nicht für eine Veröffentlichung vorgesehenen Werke ist nicht immer einfach, aber wir können in ihnen seine Denkwege sowie sein Ringen um Erkenntnisse und Wahrheiten heute noch nachvollziehen, u.a. weil er seine Erkenntnisse Revisionen unterzog, die sich in den Texten nachweisen lassen.

Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen, ein Satz, der neben seiner deskriptiven auch eine normative Bedeutung hat. Auch für uns ist er ein immerwährender Ansporn, den Zugang zu Wissen allen Menschen offen zu halten.

Zahlreiche Werke von und über Aristoteles befinden sich in der Zentralbibliothek unter der Signatur Lbn 1 Aristo

(kph)

P.S. Heute gibt es sogar noch mehr zu feiern als Aristoteles, Cervantes und Shakespeare: Den 500. Jahrestag des bayerischen Reinheitsgebots für Bier. Dazu gibt es ein schönes Zitat von Rabbi Amemar: „Bier ist der Wein dieses Landes“.

Werbeanzeigen