CovermitTitelEr kam mal wieder nicht nach Hause. Es war Dienstagabend 22 Uhr und dieser Junge dachte gar nicht daran wenigstens anzurufen. Ob er sich diese Nacht überhaupt noch hier blicken lassen wollte? Wahrscheinlich ist er auch heute nicht zur Schule gegangen. Ich hatte es aufgegeben ihn davon zu überzeugen, dass er sich doch wenigstens dreimal pro Woche dort blicken lassen sollte. Doch diesmal ging er zu weit. Mir war es inzwischen egal, ob er zwei Tage lang wegblieb nur um total verschmutzt hier aufzukreuzen, etwas zu essen und dann wieder abzuhauen. Doch für dieses Mal hatten wir vereinbart, dass er heute spätestens um 21 Uhr zuhause sein sollte, damit er seinen Vater begrüßen konnte. Mein Mann kam heute von einer zweimonatigen Geschäftsreise zurück. Er und mein Sohn sahen sich sowieso viel zu selten.

Ich lag auf dem Rücken und blickte in den Himmel. Hier in der Stadt war es sowieso zwecklos, nachts in den Himmel zu schauen. Man sah doch eh keine Sterne. 22:33 Uhr, er würde wohl bald zuhause ankommen.

Es war mir egal, er interessierte sich doch eh nicht für mich. Wenn ich ihm noch etwas bedeuten würde, wäre er öfter zuhause. Oder wenn meine Mutter ihm noch etwas bedeuten würde. Ständig wartete sie auf ihn. Und wenn er dann mal kam, für zwei Wochen oder so, dann spielte sie die glückliche Familie und tat so, als wäre alles in Ordnung. Doch das war es schon lange nicht mehr. Ja, ich hatte ihn einmal geliebt. Er war mein Vorbild, doch das war er jetzt schon lange nicht mehr.

“Hey, was ist los? Was sitzt du hier so alleine rum?“. Marc kam auf mich zu. Er war ein alter Freund. Wir kannten uns schon lange.

„Ach“, antwortete ich, „es ist nichts“.

„Nichts?“, Marc zog skeptisch eine Augenbraue hoch, „dann komm doch rüber, alle warten auf dich“. Er kannte mich zu gut.

Ich hatte jetzt keine Lust ihm von meinen Problemen zu erzählen. Aber ich sagte nichts, zu den anderen gehen zu müssen hatte ich jetzt mal so gar keinen Bock. Ich überlegte, Gefühle waren nicht so mein Ding. Ich erzählte nicht gerne etwas über mich und ich wollte auch nichts über die Gefühlswelten der anderen wissen. Ob Freunde oder Familie, es interessierte mich nicht. Es war mir viel zu anstrengend mich mit so etwas auseinanderzusetzen.

„Ja, ja, ich komme gleich“, sagte ich. Aber ich kam nicht. Ich hatte einen Plan. Heute würde sich mein Leben ändern. Ich würde entfliehen aus diesem falschen, tristen Leben indem jeder jeden anlog, um selber den besten Profit aus seiner Situation herauszuschlagen. Aber ich wollte nicht so enden. Ich wollte etwas Größeres schaffen als all diese trägen Junkies, die zahlreich in meinem Viertel abhingen.

Es tat mir Leid für meine Mutter, sie hatte immer nur das Beste für mich gewollt. Aber wenn ich hierblieb, würde ich in diesem Alltag zerfließen. Ich würde, wenn ich meine Schule geschafft habe, in einem Büro genau wie mein Vater, der Versager, arbeiten. Und dann würde ich sterben ohne etwas erreicht zu haben. Alle würden mich vergessen. Ich wäre bedeutungslos für diese Welt. Einer von vielen, in der Masse verloren gegangen. Nein. Ich musste jetzt gehen. Es war höchste Zeit.

„Leo, wo bist du?“, die Stimme von Ophelia. Sie war hier. Ich drehte mich um und ging. Es wäre zu schmerzhaft für mich gewesen, sie noch einmal zu sehen. Sie nochmal in meinen Armen zu spüren. Sie war der einzige Mensch, den ich jemals geliebt habe. Aber ich musste mich von ihr lösen. Ich war nicht gut für sie. Ich ging unter der Brücke hindurch, fort von New York, fort von meinem alten Leben. Es war 22:53 Uhr.

Marie Luise wartete auf ihren Sohn und ihren Mann. Es war zwecklos. Sie entschied sich dazu, in das Auto einzusteigen und ihren Sohn zu suchen. Es regnete. Eine zierliche Frau mit dunkelgrünen Augen und braunen lockigen Haaren fuhr die nasse Straße zum Wackberg hinauf. Es regnete immer stärker. Die Frau konnte fast nichts mehr erkennen. Da, plötzlich erschien ein Junge mit blaugrünen Augen und schwarzem Haar. Er war es, daran gab es keinen Zweifel. Sie versuchte zu bremsen, der Wagen geriet ins Schleudern. Sie bekam Panik, der Wagen schlitterte unaufhaltsam dem Abhang entgegen. Es war zu spät, das erkannte Marie Luise als der Wagen sich überschlug, einige Sekunden in der Luft blieb, um dann mit einem lauten Krachen zwischen den Gebüschen stehenzubleiben.

Das Dach war komplett demoliert, die Autotür der Fahrerseite war in das Auto eingedrückt. Leo rannte auf das Auto zu. Als er seine tote, entstellte Mutter sah, fing er an zu schreien. Er schmiss sich auf die regendurchnässte Erde. Er stand unter Schock. Er würde niemals mehr in der Lage sein, seiner Mutter all die Liebe zu geben, die sie ihm geschenkt hatte.

Das musste er nun unter Schmerzen erkennen.