CovermitTitelJoshua taucht

Mein Name ist Joshua Wilson, und ich weiß, dass keiner von euch gerne mit mir tauschen würde.

Ich muss zugeben, dass es besser laufen könnte. Aber habt ihr schon mal versucht, den Ozean zu durchschwimmen, während um euch herum vier Meter hohe Wellen toben?

Der Himmel ist heute grau wie Zement.

Beim Frühstück überlege ich die ganze Zeit, ob ich schwänzen und Videospiele spielen oder zur Schule gehen soll. Als hätte meine Mutter so eine Art siebten Sinn für ihren Sohn, fragt sie mich, ob sie mich nicht im Auto mitnehmen könnte. „Es liegt ohnehin auf meinem Weg.“

Sie klingt optimistisch, aber ich kenne sie zu gut, um die Verzweiflung darin zu überhören.

„Danke, Mom. Das wäre echt cool.“

Natürlich ist es alles andere als cool, in der zwölften Klasse noch zur Schule gefahren zu werden, aber ich will sie nicht im Stich lassen. Sie versucht noch immer, mir zu helfen. Prompt fühle ich mich schlecht bei dem Gedanken daran, ihr Gesicht zu sehen, wenn sie erfährt, dass ich vorhabe blauzumachen. Doch mein schlechtes Gewissen kann nicht schlimmer sein als das, was mich in der Schule erwartet.

Die Highschool, die ich besuche, ist ein hässliches Backsteingebäude, welches mich eher an ein Gefängnis als an eine Bildungsstätte erinnert. In gewisser Weise ist es auch so – ich bin der Häftling, der von allen anderen Insassen terrorisiert wird. Wollt ihr wissen, wie oft man mir meine Sportsachen aus dem Spind geklaut hat? Wie oft ich am Tag in den Gängen angerempelt und geschubst werde, sodass mir meine Sachen auf den Boden fallen? Wie viele Beleidigungen mir an den Kopf geworfen werden, wenn ich in der Cafeteria zu Mittag esse? Wie oft man mich schon verprügelt hat?

Nein, das wollt ihr nicht. Wirklich nicht.

Angefangen hat alles an dem Tag, als Rebecca Prince mir vor einer wichtigen Kursarbeit zugeflüstert hat, ich dürfte bei ihr abschreiben. Damals war ich vierzehn und fuhr total auf sie ab. Sie hatte langes rotes Haar und hellblaue Augen, und sobald sie mich auch nur ansah, begann in meinem Kopf immer wieder der gleiche Film abzulaufen, in dem sie die Hauptrolle innehatte und nicht ganz jugendfreie Dinge mit mir anstellte.

Aber sie blieb unerreichbar. Ich glaube, sie wusste nicht einmal meinen Namen. Zumindest nicht bis zu dem Moment, als sie sich auf ihrem Stuhl zurücklehnte und sich dabei wie beiläufig an meinem Tisch abstützte. Meine Hände begannen vor Aufregung augenblicklich zu schwitzen.

„Du heißt doch John, oder?“, fragte sie plötzlich, den Kopf in meine Richtung drehend.

„Joshua“, brachte ich heiser hervor. Ich hielt still wie ein verängstigtes Kaninchen, das von einer Schlange fixiert wurde und gleich gefressen werden würde. Irgendwo in meinem Kopf schrillten die Alarmglocken. Rebecca redete mit mir!

Sie sah mich prüfend an.

„Bist du gut in Mathe, Joshua?“

Ich wünschte, ich hätte Ja sagen können. Dabei wusste so ziemlich jeder, dass ich einer der Schlechtesten im ganzen Kurs war.

„Ich bin eher mittelmäßig“, log ich mit ausgetrocknetem Mund. Mein Gesicht wurde glühend heiß und vermutlich so dunkelrot wie der Wein, den meine Mutter jedes Wochenende trank.

„Das macht nichts.“ Rebecca lächelte zuckersüß. „Ich kann dir helfen.“

Helfen?, dachte ich verwirrt. Wobei?

„Die Klausur. Dritte Stunde, Joshua.“ Sie betrachtete mich aus ihren unnatürlich blauen Augen, als wollte sie Löcher in mein Gesicht starren. Ich musste nicht lange nachdenken, um ihr eine Antwort geben zu können.

„Ja. Klingt gut.“ Ich nickte sehr langsam, darauf hoffend, dass ich nicht wie ein Vollidiot aussah, sondern sehr lässig rüberkam. In meinem Kopf herrschte das reinste Chaos. Ich konnte nicht fassen, dass jemand wie Rebecca sich dazu entschied, einem Typen wie mir zu helfen. Ich war ein totaler Nerd mit allem, was dazugehörte: Brille, unauffälligen Klamotten und bis zum Rand angefüllt mit unnötigen Fakten über alle möglichen Videospiele, die mir in meiner Schullaufbahn noch nie viel genutzt hatten.

„Na gut. Dann setzt du dich gleich neben mich, okay?“ Rebecca lächelte mich noch einmal an. Mein Herz klopfte wie wild.

„Okay.“

Zwei Jahre später weiß ich, dass es eine Wette gewesen ist. Sie und ihre Freunde wollten testen, ob ich darauf hereinfalle. Was ich natürlich getan habe. Keine zehn Minuten nach Beginn der Arbeit meldete sich Rebecca plötzlich, während ich gerade Nummer zwei von ihrem Blatt abschrieb und darauf achtete, absichtlich ein paar kleine Fehler mit einzubauen, damit auch ja niemand merken würde, dass ich abgeschrieben hatte.

„Mr. Hayes“, rief sie in die Klasse hinein, „Joshua guckt ab.“

Ich hob den Kopf. Ihre Worte brauchten ein paar Sekunden, bis sie in meinem Gehirn angekommen waren. Was soll das?, dachte ich panisch, es war doch deine Idee?!

Mr. Hayes – wie ich ihn hasse, den alten Sack – schritt gemächlich zu meinem Tisch, nahm mir meine Blätter ab und lächelte unheilverkündend. Ich warf Rebecca einen fragenden Blick zu, aber sie hatte sich schon längst wieder über ihr Blatt gebeugt. Ihr gehässiges Grinsen sah ich trotzdem noch.

Seit diesem Tag haben sie es auf mich abgesehen und lassen mich nicht mehr in Ruhe. Weil sie wissen, dass ich leichte Beute bin und dass es einmal geklappt hat. Also muss es immer klappen.

Als meine Mutter mich vor dem Schulgebäude absetzt, hat meine Laune längst einen Tiefpunkt erreicht. Wenn ich könnte, würde ich auf der Stelle kehrt machen, aber ich muss warten, bis meine Mutter wegfährt.

„Viel Erfolg!“, ruft sie noch, und ich murmele ein leises „Nicht nötig“, bevor ich mich umdrehe und so tue, als würde ich auf den Eingang zugehen. Ich mache ein paar schlurfende Schritte geradeaus und lausche auf das Geräusch des Motors, welches langsam verschwindet. Erst, als ich nichts mehr höre, wage ich es, vom Tor wegzutreten. Ich gehe in meinem Kopf die Möglichkeiten durch, die sich mir bieten. Ich könnte nach Hause gehen, aber meine Mutter käme in einigen Stunden schon wieder von der Arbeit zurück, und das würde sich nicht lohnen. Ins Einkaufszentrum kann ich auch nicht gehen. Erst gestern wurde mir mein Taschengeld aus dem Portemonnaie gestohlen, während ich auf der Toilette war.

Der See, schießt es mir durch den Kopf. Keiner wird dich finden, wenn du zum See gehst.

Der See liegt irgendwo weiter nördlich von meiner Schule und ist von kleinen Bäumen und hohem Gras umgeben, was es schwer macht, jemanden zu finden. Außerdem gibt es ein schmales Stück Sand. Manchmal spielen die kleinen Kinder aus der Nachbarschaft dort mit ihrem Ball.

Ich werfe einen kurzen Blick auf meine Armbanduhr. Kurz nach acht. Ich wäre sowieso zu spät zum Unterricht gekommen.

Nach fünf Minuten Fußmarsch kann ich in unmittelbarer Nähe die spiegelglatte Oberfläche des Wassers erkennen. Ich laufe schneller, weil meine Füße ein wenig schmerzen und ich angefangen habe zu schwitzen. Die Sonne steht noch nicht hoch am Himmel, aber heiß ist es trotzdem. Erleichtert stapfe ich durch die hohen Sträucher und Gräser auf das Wasser zu, das verlockend glitzert.

Ich entscheide mich dazu, den schweren Rucksack abzulegen, meine Schuhe und Socken auszuziehen und mit den Füßen ins knöcheltiefe Wasser zu gehen. Die Hitze wird langsam immer drückender.

Mit nackten Füßen laufe ich vorsichtig auf dem Sand entlang zum Wasser. Es dauert ein wenig, bis ich mich an die deutlich kühlere Temperatur gewöhnt habe, aber dann wird es angenehm. Ich kicke ein paar Kieselsteine umher, die das Wasser spritzen lassen und um die sich für ein paar Sekunden konzentrische Ringe bilden, sobald sie wieder untergehen.

Es vergehen etwa fünfzehn Minuten, bevor ich die Stimmen höre. Lautes Gelächter, das immer deutlicher wird. Ich erstarre zur Salzsäule. Wer könnte um diese Uhrzeit hierhin kommen? Angespannt lausche ich auf die Stimmen.

„Mensch, Kevin!“, ruft jemand. Ich versuche mich zu erinnern, ob ich jemanden namens Kevin in meinem Jahrgang habe.

„Komm, beeil dich mal.“ Eine tiefe Stimme erklingt irgendwo links von mir. Ich bleibe wie angewurzelt stehen und rühre mich erst, als es schon zu spät ist.

„Hey, guck mal, wer hier ist!“, ruft jemand triumphierend, und ich weiß auch so, dass es sich nur um Andrew Webster handeln kann, denn seine Stimme hat diesen bescheuerten heiseren Klang, sobald er lauter wird. Er ist ungefähr so intelligent wie ein Stein.

Andrew ist nicht alleine, als er hinter einem dicht gewachsenen Strauch hervortritt. Er hat Kevin mitgebracht, und zu meinem Entsetzen muss ich feststellen, dass ich ihn kenne. Der Junge, der mich mit zusammengekniffenen Augen ansieht, hat mich noch vor vier Wochen verprügelt, weil ich an meinen Spind wollte, der sich direkt neben seinem befindet. Ich habe ihn aus Versehen mit meinem Rucksack angerempelt, und ganz offensichtlich dachte er, ich wollte ihn provozieren. Oder vielleicht hat er auch nur einen Grund gesucht, eine Schlägerei anzuzetteln.

Kevin spannt seine Muskeln an. „Dich kenne ich“, sagt er langsam.

Ich erwidere nichts. Die Art, wie er spricht, verrät mir, dass er mich noch immer nicht leiden kann und keineswegs vorhat, mich einfach so davonkommen zu lassen. Ich bin geübt darin, andere Leute einzuschätzen. Aber leider bin ich nicht so geübt im Abhauen. Ich versuche, wortlos an den beiden vorbeizugehen, aber plötzlich schnellt Andrews Arm vor und packt mein Handgelenk.

„Du bist Joshua aus meinem Biokurs“, stellt Andrew fest. Ich sehe ihn nicht an. Mein Herzschlag beschleunigt sich, als ich daran denke, wie schmerzhaft meine letzte Prügelei ausgegangen ist. Ich hatte ein blaues Auge, zwei geprellte Rippen und eine aufgeplatzte Lippe. Dazu noch unzählige blaue Flecken. Nicht zu vergessen: Meine Würde, die mir irgendwann zwischen dem Schlag aufs Auge und dem Tritt in die Weichteile abhanden gekommen ist.

Eine Stimme in meinem Kopf schreit mich an. Du bist ein Versager. Du schaffst es nicht einmal, dich zu wehren!

Das stimmt. Ich bin nicht sonderlich stark, weswegen ich mich aus Prügeleien raushalten sollte, wenn ich nicht ständig herumrennen will wie ein lädierter Sandsack, auf den jeder schon mal draufgehauen hat. Was ich ohnehin tue, ob ich will oder nicht. Man wird ja nicht gefragt, ob man verhauen werden möchte oder lieber doch nicht.

„Lass mich los“, sage ich schwach. Ich weiß, dass es keinen Zweck haben wird, weil Kevin dieses breite Grinsen aufsetzt, das sie alle aufsetzen, wenn sie mich verprügeln.

„Kommt nicht in Frage. Ich war noch nicht fertig mit dir.“ Andrew hält mich noch fester, als Kevin auf mich zukommt. „Da will man rauchen gehen und findet einen Schulschwänzer. Was willst du hier, du Loser?“

„Nichts“, entgegne ich heiser. Ein Teil von mir hofft immer noch, dass ich vielleicht davonkommen kann, ohne wieder als Sandsack herhalten zu müssen.

„Ja, genau. Ich denke, du brauchst mal wieder eine Abreibung.“

Andrew muss lachen, als ich versuche, seinem Freund auszuweichen. „Guck mal, der macht sich gleich in die Hose.“ Er lacht nur noch lauter, und wenn ich könnte, würde ich ihm meine Faust ins Gesicht rammen. Kevin sieht mich lange an, bevor er etwas sagt. „Kannst du gut schwimmen, Feigling?“

Ich schweige. Was denken sie sich wohl jetzt wieder aus?

„Wenn du nicht bis zum Grund tauchst, dürfen wir dich schlagen, bis du nicht mehr weißt, wer du bist, du Idiot.“ Kevin lächelt mich beinahe freundlich an.

Ich werfe einen Blick auf das Wasser. Es sieht nicht so tief aus, soweit ich das beurteilen kann. Ich möchte nicht schon wieder, nicht zum tausendsten Mal mit Verletzungen nach Hause kommen und meiner Mutter erklären müssen, was passiert ist und warum ich so aussehe. Wenn ich es schaffe…

„Wenn du es schaffst“, spricht Kevin meine Gedanken aus, „dann darfst du gehen. Einfach so. Als wärest du uns nie begegnet.“

Ich sehe ihn an. Meint er es ernst? Das ist schon beinahe ein faires Angebot. Ich nicke. „Na gut.“

„Los.“ Andrew gibt mir einen Schubs, und ich falle beinahe hin. Es ist kalt an meinen Beinen, als ich langsam ins tiefere Wasser gehe. Nach einigen Metern geht mir das Wasser bis zur Brust. Ich versuche, meine Angst zu verbergen, als ich mich umdrehe und zum Ufer blicke, an dem Kevin und Andrew mit verschränkten Armen dastehen und mir zuschauen. Das müsste ich schaffen. Es sind allenfalls fünf Meter Tiefe. Dann hole ich tief Luft. Und tauche.

Ich sehe nichts, obwohl meine Augen weit aufgerissen sind. Es ist dunkel; schwarzes Wasser. Ich frage mich, wie ich überhaupt wissen soll, wo der Grund ist, und ob es hier sowas wie riesige Raubfische gibt. Kann ich es überhaupt schaffen?

Das Wasser schmeckt abgestanden in meinem Mund, und die Dunkelheit verwirrt mich. Ich kann noch immer nichts sehen. Vielleicht bin ich um die drei Meter getaucht, aber ich spüre noch immer nicht den Grund unter mir. Der Druck auf meine Ohren ist so unangenehm, dass es sich anfühlt, als würde mein Trommelfell jede Sekunde platzen. Nach einiger Zeit – vielleicht einer Minute – verspüre ich ein immer stärker werdendes Stechen in meiner Lunge. Ich müsste jetzt auftauchen zum Luftholen. Als die Luft immer knapper wird, ist es mir plötzlich egal, ob Kevin mich nochmal verprügelt. Ich will nur noch nach oben. Auftauchen. Atmen. Luft holen.

Mein Brustkorb schmerzt, als ich versuche, mich wieder umzudrehen und nach oben anstatt nach unten zu tauchen. An die Wasseroberfläche. Aber ich kann nichts sehen. Ich werde panisch. Ich trete wie wild mit den Beinen, um mich nach oben zu stoßen, doch da ist kein Grund, an dem ich mich kraftvoll abstoßen könnte. Stattdessen befinde ich mich irgendwo zwischen Boden und Wasseroberfläche.

Helle Punkte kreisen vor meinen Augen, und ich weiß, dass ich es nicht schaffen kann, wieder aufzutauchen, denn das letzte bisschen Luft in meinen Lungen entweicht jetzt.

Ich ertrinke.

Am Ufer des Sees warten Kevin McFuller und Andrew Webster noch immer darauf, dass Joshua Wilson auftaucht.

Erst, nachdem einige Minuten vergangen sind, wird ihnen klar, dass er dazu längst nicht mehr imstande ist.

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