CovermitTitelAlles sollte sich ändern

Ich lief, einfach immer geradeaus. Ich wusste nicht wohin, aber das war auch erst mal egal. Hauptsache weg.

Nachhause konnte ich nicht mehr, meine Eltern würden mich nicht lassen. Aber das war mir auch egal, zu denen wollte ich nicht mehr. Zu meinen Freunden wollte ich auch nicht, sie waren eh schon von mir genervt, weil ich anders war. Aber auch das interessierte mich nicht mehr, also lief ich weiter.

Bis ich an einem Wald landete. Hier war ich schon mal, aber ich konnte mich nicht mehr erinnern mit wem oder wann, es hatte sich alles verändert. Also beschloss ich einfach noch weiter zu laufen, es kam mir vor wie eine Ewigkeit. Doch irgendwann war ich an einem Punkt angekommen, wo ich mich sicher fühlte, ich wusste weder wo ich war noch weshalb ich mich hier wohlfühlte, aber es war so.

Also suchte ich mir in der Nähe einer alten Buche ein sicheres Versteck, wo ich diese Nacht verbringen konnte.

Nachdem ich eine windgeschützte Stelle gefunden hatte, legte ich mich hin um zu schlafen, doch ich konnte nicht, vor meinem Auge schwebten Bilder. Die Menschen, die dort waren, kamen mir nicht bekannt vor, trotzdem wollte ich wissen, wer sie waren. Ich wollte nur ein paar Antworten, doch ich hatte niemanden, der sie mir geben konnte, ich war allein, irgendwo im Nirgendwo, aber ich hatte weder Angst noch ein schlechtes Bauchgefühl. Das Einzige, was in meinem Kopf vor sich ging, waren die Bilder und die Müdigkeit.

Es war wie in einem Teufelskreis. Ich schloss die Augen um zu schlafen, doch ich sah wieder diese Gesichter und als ich sie öffnete, konnte ich nicht schlafen. Also blieb ich bis tief in die Nacht wach, um über alles nachzudenken, doch ich musste schlafen um für den nächsten Tag genug Kraft zu haben um nach Antworten zu suchen.

Nach weiteren schlaflosen Stunden schloss ich die Augen, ich war so müde, dass ich keine Kraft mehr hatte um mir die Bilder vorzustellen, doch selbst in der Nacht verfolgten sie mich noch. Am nächsten Morgen wachte ich auf und mir wurde schmerzlich bewusst, dass ich nichts mehr hatte, keine Familie, keine Freunde, nur mich und das Nichts in meinem Kopf.

Plötzlich bewegte sich etwas in meiner Nähe, ich schreckte auf und wollte gerade losrennen doch ich hörte eine Stimme, die mir bekannt vorkam. Wieder einmal wusste ich nicht, wem diese Stimme gehörte, also drehte ich mich langsam um, um zu sehen, wer da hinter mir stand. Als ich dieser Person eigentlich direkt in die Augen blicken müsste, war dort niemand zu sehen. Stattdessen bewegte sich etwas zu meiner Linken, ich drehte mich so schnell ich konnte um, aber wieder war niemand zu sehen. Beim dritten Knacken, diesmal zu meiner Rechten, versuchte ich mich langsam und geräuschlos umzudrehen. Und es funktionierte, vor mir stand ein scheinbar verängstigtes kleines Mädchen.

Sie sah komisch aus, ich hatte noch nie so ein dürres, dreckiges, kleines Mädchen gesehen. Und auch wenn ich mich an sonst nichts erinnern konnte, war ich mir sicher.

Ich hatte in mir Glücksgefühle, weil ich mich endlich wieder an etwas erinnern konnte, auch wenn diese Erinnerung nichts mit meinem früheren Leben zu tun hatte. Denn außer an meine Eltern und meine besten Freunde erinnerte ich mich an nichts mehr.

Ich wurde von einem erneuten Knacken aus meinen Träumen geholt. Und mir wurde bewusst, dass dieses Kind immer noch vor mir stand. Es ging mir ungefähr bis zu meinen Ellenbogen, ich schätzte das Mädchen so auf sechs bis sieben Jahre, sicher war ich mir aber keineswegs. Ich wollte den Namen des Kindes wissen, doch ich hatte das erste Mal seit langem ein Gefühl von Angst, denn mir wurde gerade bewusst, dass das Mädchen nicht mit Dreck voll war. Ich war mir nicht sicher, aber das Zeug auf ihren halb zerrissenen Klamotten sah aus wie getrocknetes Blut.

Ich bekam innerlich Panik, doch ich wusste, wenn ich jetzt eine zu hastige Bewegung machen würde, wäre das Kind wieder weg. Also beschloss ich mich hinzuhocken, um vielleicht mit ihr reden zu können. Als ich gerade in die Hocke gegangen war, machte das Kind einen hastigen Schritt nach hinten. Wenn man dies überhaupt einen Schritt nennen konnte, es war eher ein kleiner Sprung. Sie stand auch nicht, sondern hockte eher so wie ich, nur dass sie sich auf ihren Händen aufstützte. Insgesamt wurde die Lage für mich immer komischer, doch jetzt hatte ich keine Möglichkeit mehr einfach zu gehen.

Also versuchte ich sie zu fragen wie sie hieß, doch es kam kein Ton aus meinem Mund, er war viel zu trocken. Ich versuchte es noch einmal, es war eher ein Kratzen doch ich war sicher, dass sie es verstehen würde. Sie guckte mir jetzt direkt in die Augen, es machte mir Angst. Sie hatte schwarze Augen, das hatte ich noch nie gesehen. Sie öffnete ihren Mund und es kam ähnlich wie bei mir ein leises Kratzen heraus, das ich als Jane deutete. Ich wiederholte es noch einmal und sie nickte. Jane, was für ein schöner Name, dachte ich mir.

Jetzt wo ich ihren Namen kannte, kam sie mir gar nicht mehr so gruselig vor. Ich versuchte mich ihr langsam zu nähern. Und ich wunderte mich, als sie in ihrer Position blieb.

Ich wusste immer noch nicht, was ich von ihr halten sollte, doch ich wollte nicht länger dort sein, also versuchte ich mit ihr zu reden. Doch wie zuvor kam kein vernünftiger Ton aus meinem Mund. Nach weiteren Versuchen kam endlich ein Ton heraus, ich fragte sie, ob sie wüsste, was sie hier macht, doch sie schüttelte schnell ihren Kopf. Schade, dachte ich mir.

Ich stellte ihr viele weitere Fragen, doch sie konnte mir keine meiner Fragen beantworten, was ein Mist. „Wie lang bist du schon hier allein im Wald?“, fragte ich sie. Und zu meiner Überraschung schien sie nachzudenken. „Lange!“, kam es eiskalt aus ihrem Mund, ihre Kinderstimme hörte sich sehr dunkel an, nicht wie bei einem normalen Mädchen in ihrem Alter.

Ich wunderte mich, doch beschloss nicht weiter darauf einzugehen, genug Angst hatte ich eh schon. Ich streckte ihr meine zittrige Hand entgegen und wunderte mich erneut, als sie ihre kleine Hand in meine legte. Ich zog sie langsam näher zu mir und als sie nur noch wenige Zentimeter von mir entfernt war, wollte ich ihre Hand loslassen, doch sie hielt sie fest.

Ok, wenn sie es möchte. Also schloss ich sanft meine Hand wieder. Ich beschloss mit Jane an einen kleinen Bach zu gehen, den ich leicht rauschen hörte. Als wir nach wenigen Minuten angekommen waren, zog ich sie bis zu den Knöcheln in das kühle Wasser. Ich empfand es als sehr angenehm und Jane schien es ebenfalls zu gefallen, denn sie ließ meine Hand los und ging weiter in den Bach hinein.

Tief war er nicht, vielleicht fünfzig Zentimeter, ihr ging er allerdings bis zu den Oberschenkeln. Ich beschloss mich etwas mit dem Wasser zu waschen, also machte ich auch ein paar Schritte in das Wasser hinein. Als wir uns beide gewaschen hatten, fiel mir auf, dass ihre zuvor braunen Harre jetzt blond waren und auch ihre blutigen Klamotten waren sauberer als vorher. So gruselig schien sie gar nicht mehr, nur ihre Augen machten mir noch Angst, sie waren schwarz wie die Nacht.

Nachdem wir beide wieder einigermaßen trocken waren, suchten wir einen Unterschlupf für die Nacht, denn mir war nicht aufgefallen, dass es bereits anfing zu dämmern. Als wir einen geeigneten Platz gefunden hatten, schlief Jane ziemlich schnell ein. Es wunderte mich, dass sie ihren kleinen dünnen Arm um mich gelegt hatte. Mir schien es, als ginge es uns ähnlich, wir beide waren allein und wie es mir vorkam, konnte sie sich auch an nichts aus ihrer Vergangenheit erinnern.

Als ich aufwachte war es noch dunkel, mir kam es vor, als hätte ich drei Tage durchgeschlafen. Als ich in Janes Gesicht blickte und sie mir mit zittriger Stimme erklärte, dass ich fast eine Woche geschlafen hätte, wurde mir klar, dass etwas nicht mit mir stimmte. Ich versuchte aufzustehen, doch mir wurde schnell bewusst, dass ich mich nicht rühren konnte. Als ich wieder zu Jane sah und ich erschrocken feststellen musste, dass wir beide gefesselt waren, wurde mir wieder schwarz vor Augen.

Als ich wieder wach wurde, stand ein Mann vor mir. Er schaute mir direkt in die Augen, es machte mir Angst, doch ich beschloss dem eisernen Blick standzuhalten. Als ich bemerkte, dass er sich mit kleinen Schritten von mir entfernte, fiel mir ein Stein vom Herzen.

Ich fing an nach Hilfe zu schreien, doch es schien, als würde mich niemand hören. Ich weinte solange wie ich in meinem Leben noch nie geweint hatte. Aber da wurde mir wieder schmerzlich bewusst, dass ich mir gar nicht sicher sein konnte, ob ich jemals geweint hatte, denn ich konnte mich ja an nichts mehr erinnern.

Ich schreckte hoch, als ich Schritte hörte. Es war wieder dieser Mann, doch diesmal war er nicht allein. Sie waren zu dritt. Als der eine eine Pistole auf mich und Jane richtete, wobei Jane nichts davon mitbekam, denn sie schien zu schlafen, wollte ich wieder losweinen. Doch ich ließ es, denn ich wollte wenigstens einmal stark bleiben. Der Typ mit der Pistole in der Hand fing an zu lachen, doch es war kein normales Lachen, es klang eher wie ein Kratzen. Plötzlich hörte ich einen Schuss, ich drehte mich instinktiv zu Jane um nach ihr zu sehnen, doch sie schien in Ordnung zu sein. Zwar hatte sie nun ihre Augen geöffnet, doch nur wegen dem lauten Knall der Pistole, die immer noch in der Hand des Mannes verweilte. Zwei der drei Typen waren bereits gegangen und nach ein paar Minuten folgte ihnen der Dritte, nachdem er uns die ganze Zeit angestarrt hatte.

Jane und ich wechselten die restliche Zeit kein Wort. Irgendwann schlief ich wieder ein, denn mein Körper hatte sein Zeitgefühl verloren. Ich wusste weder wie lange wir schon hier waren noch wie viel Uhr es gerade war.

Als ich meine Augen öffnete, lag Jane nicht mehr neben mir. Ich schnellte hoch, doch konnte sie nirgends entdecken. Ich hörte einen lauten schrillen Schrei, bevor ein Knall ertönte. Ich schrie los, aus Angst um Jane. Auch wenn wir nicht viel redeten und ich eigentlich gar nichts über sie wusste, war sie wie eine Schwester für mich. Einer der Männer, die bereits einmal bei mir gewesen waren, kam in das Zimmer, in dem ich lag. Er drohte mir, dass, wenn ich nicht sofort leise wäre, genau dasselbe mit mir passieren würde wie mit meiner Freundin. Ich sah ihn erschrocken an, ich öffnete meinen Mund, um ihn zu fragen, was mit Jane passiert ist und siehe da, ich konnte reden. Meine Stimme klang zwar etwas ängstlich, doch ich versuchte es so gut es ging zu überspielen. Doch der Mann antwortete mir nicht, er drehte sich einfach um und verschwand.

Ich lag weitere Stunden, Tage und Wochen in dem Zimmer allein. Jeden Tag um dieselbe Zeit bekam ich etwas zu essen, Brot und Wasser.

Ich fühlte mich so allein wie noch nie, Jane war tot und ich wusste nicht wie lange ich hier noch bleiben würde, bis ich wieder bei ihr war. Bei diesem Gedanken wurde mir kalt ums Herz, denn kurz bevor Jane gestorben war, hatten wir uns geschworen, dass wir, egal was passieren würde, versuchen würden zu fliehen, egal ob die andere tot war. Ich wollte sie nicht enttäuschen also schmiedete ich einen Plan.

Nach weiteren Tagen, wie viele genau wusste ich nicht, denn nach siebzig hatte ich aufgehört zu zählen, war die Zeit gekommen.

Einer der Männer hatte vor ein paar Wochen sein Messer fallen lassen und es war ihm nicht mal aufgefallen. Ich versuchte gerade das Seil, das um meine Hände gebunden war, zu lösen, als sich die schwere Eisentür, die zu meinem Zimmer führte, öffnete. Ich wusste, es würde jetzt Essen geben und es war meine einzige Chance zu flüchten, denn die Türe war immer verschlossen, wenn ich alleine im Zimmer war.

Ich hatte gerade das Seil durchtrennt, als der Mann das Essen vor mich stellte. Es wurde mir immer gewaltsam in den Mund gezwängt. Jetzt war genau der richtige Augenblick.

Also zog ich das Messer hinter mir hervor und stach es dem Typen direkt ins Herz. Er fiel sofort um und ich stand auf um wegzurennen.

Bei den ersten Schritten war ich sehr wackelig auf den Beinen, doch nach einigen Metern fühlte ich mich so frei, dass es mir egal war wo ich lang rannte. Einfach weg.

Als ich nach gefühlten Stunden an einer Straße angekommen war, sah ich in der Ferne eine Stadt und ich wusste, würde ich es bis dorthin schaffen, war mein Überleben fürs Erste gesichert.

Noch einmal drehte ich mich um und sah in den Wald zurück, in dem ich festgehalten wurde, hier wollte ich nie wieder sein.

Ich rannte los.

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