CovermitTitelD1527

Das Nichts beginnt mit lauwarmem Salzwasser, welches meine Füße umspielt. An mehr erinnere ich mich nicht.

Wann immer ich versuche, mich zu entsinnen – denn ich weiß, dass es mehr geben muss -, verspüre ich ein Gefühl der Leere in mir. Auf seltsame Art und Weise bereitet mir dies mehr Sorgen als alles Andere. So einen großen Teil meiner selbst nicht zu kennen, schmerzt mich.

Ich bin jetzt sechzehn. Das sagen sie zumindest. An sechzehn Jahre meines Lebens erinnere ich mich nicht. Der größte Teil meiner Gedanken ist umgeben von Schwärze. Wenn ihr wissen wollt, wie es sich anfühlt, dann macht die Augen zu. Versucht, nichts zu hören oder zu riechen. Denkt an nichts. Was ich eigentlich sagen will: Hört auf zu existieren. Neustart.

Wacht auf. Ihr seid verwirrt, nicht wahr?

Ich war es.

Das Metall ist eiskalt an meiner Haut. Instinktiv versucht mein Körper, den Kontakt mit der kühlen Oberfläche zu vermeiden. Zu meiner Überraschung muss ich feststellen, dass ich an den Operationstisch festgekettet bin. Die Haut an meinen Handgelenken ist aufgerissen und getrocknetes Blut klebt daran. Was ist passiert? Habe ich geschlafen? Oder geträumt?

Nein. Die wenigen Erinnerungen, die ich habe, sind so klar und gestochen scharf wie die verrückte Wirklichkeit. Ich vermute mal, dass ich eine Gefangene bin. So geschwächt, wie ich bin, wäre ich niemandem eine Gefahr. Der bloße Gedanke ist so lächerlich, dass ich kurz lachen muss. Der Laut hallt gespenstisch wider, bis er von der Dunkelheit verschluckt wird.

Ich weiß nicht, wie lange ich auf dem Tisch gelegen habe, als ich Schritte höre. Das Klicken eines sich öffnenden Schlosses dringt an mein Ohr. Sekunden später geht das Licht an. Es ist so gleißend hell, dass ich zuerst nichts erkennen kann. Grüne Punkte tanzen vor meinen schmerzenden Augen. Schließlich kann ich zwei in weiß gekleidete Gestalten ausmachen. Sie mustern mich aufmerksam. Ich beginne, mich unwohl zu fühlen. Das Einzige, was ich trage, ist ein dünner Kittel. Ansonsten nichts – darunter ein hilfloser Mensch, der sich nicht zu helfen weiß. Das dachte ich zumindest.

Sie fangen an, mir von Experimenten zu erzählen, an denen ich teilgenommen habe. Wichtige Entscheidungen und Fortschritt. Ich bin ein Fortschritt in der Forschung und wertvoll für die Menschheit. Schnell wird mir klar, dass dies nichts Gutes für mich bedeutet. Ich höre ihnen zu, wie oft sie mich aufgeschnitten haben. Wie sie mir alles herausgenommen und künstliche Organe eingesetzt haben. Wie kann ich noch ein Mensch sein, wenn ich keiner mehr bin…?

Alles, was sie mir sagen, hat mit verrückten und neuartigen Operationsmethoden zu tun. Also klinke ich mich aus und spiele vor meinem inneren Auge meine einzigen Erinnerungen ab. Stundenlang laufe ich am Strand entlang und konzentriere mich nur auf den kühlen Wind, der meine nackte Haut liebkost. Wenn ich wieder in der Wirklichkeit ankomme, kann ich das Salz beinahe auf meinen Lippen schmecken.

Obwohl ich alles mitkriege, werden meine Erinnerungen und mein Gedächtnis nicht angesprochen, was mich zu der Annahme treibt, dass etwas nicht stimmen kann. Ein Fehler im System. Aber ich mache mir nicht die Mühe, sie darauf hinzuweisen. Was würden sie tun? Etwas sagt mir, dass sie damit nicht einverstanden wären. Ich bin ihr Experiment. Sie haben mich erschaffen. Und ich bin kein gewöhnlicher Androide, zusammengesetzt aus Fleisch und Knochen. Meine Fähigkeit, ungewöhnlich schnell zu lernen und Unbekanntes rasch aufzunehmen und zu verarbeiten macht mich besonders. Besonders unberechenbar.

Und eines Tages höre ich etwas, was nicht für meine Ohren bestimmt ist. Ich weiß es, weil ich das Flüstern aus dem angrenzenden Labor vernehmen kann. Mein Gehör ist in etwa dreimal so gut wie das eines Hundes.

Sie sollte kontrollierten Ausgang bekommen. Früher oder später muss sie der Öffentlichkeit präsentiert werden, sonst bekommen wir keine Gelder mehr. Sie sollte an all das gewöhnt werden. Falls etwas schief läuft, können wir ja eingreifen und mögliche Fehler beheben.

Mein Herzschlag beschleunigt sich. Werde ich diesen Ort wirklich verlassen? Der Gedanke lässt meine Knie unangenehm weich werden. Ich stehe vom Boden auf und fange an, nervös auf- und abzulaufen. Mein Atem geht schneller. Irgendwann schließe ich die Augen und laufe. Aber nicht in meiner Zelle, sondern an einem weißen Sandstrand, der so schön ist, dass es in meiner Brust schmerzt. Zufriedenheit und Ruhe durchfluten mich und löschen jeden weiteren Gedanken aus.

Es ist ein ruhiger Tag. Geradezu ordinär. Seit meinem Erwachen sind genau dreiundsechzig Tage vergangen. Trotzdem ist etwas anders. Die Aufregung meiner Erschaffer ist fast greifbar. Alle Mitarbeiter sind hektisch. Nur ich strahle Ruhe aus. Ich weiß jetzt, was ich tun muss. Jede Faser meines Körpers ist angespannt. Wir laufen einen Flur entlang, der vom Labor und den Forschungsräumen zum Ausgang führt. Ich werfe nicht einen Blick über meine Schulter. Da ist nichts, was mir fehlen könnte. Meine Aufpasser eskortieren mich zu der massiven Stahltür und geben einen zwölfstelligen Zahlencode ein. Erst dann öffnet sie sich. Ich atme tief ein, als die frische Luft mir entgegen strömt. Zum ersten Mal fühle ich, wie alles, was mich beschwert hat, von mir abfällt. Mit jedem Atemzug steigt die Gewissheit, dass ich das Richtige tue. Die Wächter klammern sich unruhig an ihre Gewehre. Ich weiß, dass sie mit einem lähmenden Nervengift geladen sind, welches sie bei Bedarf injizieren würden. Aber dazu wird es nicht kommen. Ich werde warten, bis sie sich entspannen und mich nicht mehr beachten.

Es dauert zwölf Minuten und siebenundvierzig Sekunden, bis einer von den Beiden seinen Blick schweifen lässt. Höchstwahrscheinlich fragt er sich, wie lange wir hier noch stehen müssen. Nicht mehr lange, denke ich mit grimmiger Entschlossenheit.

Und dann passiert es.

Bevor sie reagieren können, renne ich los. Meine Muskeln registrieren lediglich ein leichtes Ziehen, während ich mich zwinge, so schnell zu laufen, wie ich nur kann. Die Wächter stoßen einen überraschten Aufschrei aus, als sie begreifen, was hier gerade geschieht. Ich muss ziemlich schnell sein. Jeder Zentimeter meines Körpers wurde genetisch so verändert, dass ich keine Erschöpfung verspüre und ihn effektiv einsetzen kann. Wie eine Maschine.

Erst nach vier Sekunden trifft mich einer der Betäubungspfeile am Rücken. Da ich nicht stoppen darf und will, lasse ich ihn stecken und renne weiter. Innerhalb weniger Minuten wird der ganze Komplex die Nachricht erhalten haben, dass D1527 einen Fluchtversuch gestartet hat, also bleibt mir nicht viel Zeit.

Das Labor liegt mitten im Nirgendwo. So viel wird mir klar, als ich die Gebäude hinter mir lasse. Um das Gelände zieht sich ein Zaun. Ich kann von weitem bereits den Stacheldraht erkennen. Meine ganze Konzentration richtet sich jetzt auf das letzte Hindernis vor mir. Mein Gehirn rechnet aus, in welchem Winkel und an welcher Stelle ich springen muss, um nicht in vollem Lauf gegen den Zaun zu stoßen. Schließlich stoße ich mich kraftvoll mit dem linken Fuß vom grasbewachsenen Boden ab und spüre die Erschütterung, als mein Körper auf den dünnen Maschendraht trifft. Meine Finger krallen sich um den kalten Draht, als ich mich immer weiter hochziehe. Die Stacheln sollten meiner Haut eigentlich nichts anhaben können, doch ein Stachel bohrt sich tief in meine Handfläche, als ich mich auf die andere Seite fallen lassen will. Ich verziehe kurz das Gesicht, bevor ich meine Hand mit einem Ruck befreie.

Der Aufprall lässt mich einen Moment lang stolpern, bevor ich weiterrennen kann. Meine Geschwindigkeit aufrechtzuerhalten, fällt mir zunehmend schwerer: das Gift setzt ein.

Ich weiß nicht, wie lange ich noch renne, bevor mein Körper aufgibt. Mein Fuß knickt um und dann falle ich. Ich habe nicht mehr genug Kraft, um mich noch aufzurichten. Meine Gliedmaßen zucken bei dem Versuch, wieder aufzustehen. Mir ist, als würde sich ein Schleier über meine Wahrnehmung legen.

Über mir kann ich den Himmel sehen. Er dehnt sich schier endlos aus, wohin ich auch schaue. Bevor ich das Bewusstsein verliere, denke ich noch: Ich war frei.

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