CovermitTitelZwei Schatten

Mein Bett knarrte als ich aufstehen wollte. Als ich die Augen öffnete, sah ich das gleiche dunkle und verstaubte Zimmer wie jeden Morgen. Im Bad sah ich die Narben, die meine Mutter mir jahrelang zugefügt hatte. Mein Vater verließ uns. Meine Mutter, schwach wie sie war, ließ ihre Wut an mir aus, seit ich vier war. Bis vor wenigen Tagen. Sie hatte getrunken, wurde wütend. Sie nahm den alten Gürtel meines Vaters, wie immer, und wollte zuschlagen. Doch dieses Mal wehrte ich mich, nahm ihr den Gürtel ab und schlug zu. Immer und immer wieder, bis auf das Echo von dem Schlag nicht mehr ihr Gestöhne folgte.

Ich ging in die Küche, ich musste mich fast übergeben. Der faule Geruch ihres verwesenden Körpers lag jetzt schon in der Luft. Ich musste die Leiche wegschaffen oder mich stellen. Ich wusste nicht weiter, ich ging erstmal wie immer zur Schule und setzte mich hin und beobachtete meine Mitschüler. Heute fiel mir ein unbekanntes Gesicht auf. Ich glaubte, sie hieß Amy oder Amanda? Ach egal, Amy hört sich gut an. Sie war klein und schmächtig, sie gefiel mir. Ich malte mir aus, wie ich sie zum alten Fabrikgelände lockte. Ein großer Klotz aus Stahl und Beton hinten im Industriegelände, fünf Stockwerke, fünftausend Quadratmeter Gesamtfläche. Doch dann wurde mir klar, worüber ich nachdachte. Ich wollte sie töten. Ich weiß nicht wieso, aber sie erinnerte mich an meine Mutter.

In der Pause ging ich auf sie zu und sprach sie an. Dies war eigentlich nicht meine Art, ich vermied im Allgemeinen Kontakt mit anderen.

Ich saß auf einer Bank ganz hinten auf dem Schulhof und fühlte mich einigermaßen wohl. Plötzlich kam jemand auf mich zu, sie wirkte nervös. Sie trug einen schwarzen Pullover, an den ich mich nicht mehr erinnerte. Sie sprach mit rauer Stimme und stellte sich vor. Sie wirkte freundlich und erzählte von einem alten Fabrikgelände. Ich war überrascht, bisher hatten mich alle ignoriert. Ich war ja auch kaum da. Seit der Kindheit immungeschwächt, dumm und hässlich. Jede Sekunde wurde ich von meinen Eltern, nein von meiner ganzen Familie verachtet und jetzt kam jemand auf mich zu?! Ich wollte sie anschreien, doch ich konnte nicht. Verlegen bat ich sie sich neben mich zu setzen. Wir unterhielten uns über dies und jenes, aber vor allem darüber, wie einsam wir waren. Als ich sie auf ihre Familie ansprach, schwiegen sie und ich. Plötzlich fragte sie nach einem Fabrikgelände und wollte, dass ich sie dorthin begleite.

Ich war also mit ihr verabredet. Wie war nochmal ihr Name? Ach egal. Ich sagte ihr, wir treffen uns um 16 Uhr am Haupteingang. Ich kam fünf Minuten zu spät. Sie war schon da, schon länger, denn sie zitterte und es war frisch. Ich gab ihr meine Jacke, denn sie hatte etwas von einer Immunschwäche erwähnt. Wir gingen rein und die Treppe zum Dach herauf. Doch ohne Jacke fror ich oben, sie bemerkte es und wollte schnell wieder runter. Im 5. Stockwerk war es schon angenehm, doch bei jedem Schritt knarzte der Boden, wie mein Bett. Sie kam wieder hoch, die Wut. Ihre Ängstlichkeit erinnerte mich an meine Mutter. Sie sah mich an und ich sie, ich rannte auf sie zu und umarmte sie. Ich war verwirrt. Verzweifelt sagte ich ihr, was ich vorhatte.

Mich schockierte nicht was er sagte, was er vorhatte. Ich dachte sogar, er hätte mir damit einen Gefallen getan. Er ließ mich los, nahm mich an die Hand und führte mich zum Fenster. Was wir dann sahen, erinnerte uns an unser Leben. Staubig, verdreckt und trostlos. Als wir gehen wollten, bemerkten wir, dass das Gebäude anfing zusammenzufallen. Wir rannten raus und blickten hoch. Ein riesiges Stück aus der Wand begrub uns. Als ich aufwachte, sah ich ein weißes Licht. Ich war aber nicht tot sondern im Krankenhaus. Neben mir meine Mutter und Schwester. Sie sahen so glücklich aus mich zu sehen. Ich war überrascht und froh sie zu sehen.

Ich hoffte, ich sei tot, doch nein, ich bin mit ihr im Krankenhaus. Sie hatte Besuch von Verwandten, doch ich war allein. Vor kurzem war die Polizei da gewesen und befragte mich wegen der Leiche. Ich gestand. Ich werde erst in die Psychiatrie und dann wahrscheinlich ins Heim gehen.

Ich hoffte, dass die Betten dort nicht knarzen. Die Tür öffnete sich, ein Mann trat herein und sagte er sei mein Vater. Ich guckte ihn an und sah dann weiter zur Decke. Er sprach mich mehrmals an, ohne dass ich reagierte. Er fragte nach dem Wieso. Wieso hast du sie umgebracht und so weiter, doch ich war müde und schlief ein.

Sein Vater verließ schluchzend das Zimmer. Ich sah zu ihm. Er schlief. Am nächsten Tag wurde ich entlassen. Nur er nicht, es bedrückte mich. Auch eine Woche später kam er nicht zur Schule. Die Situation zuhause besserte sich. Alle waren glücklich, dass ich noch lebte. Nur ich nicht, ich wollte zu ihm! Jedes Mal, wenn ich es meinen Eltern sagte, schwiegen sie. Er verstand mich, war wie ich. Zwei Schatten, die sich begegnen, verschmelzen, wie zwei Menschen an einem sonnigen Tag spazieren gehen.

Meine Befürchtung ist wahr geworden. Die Betten hier knarrten auch. Ich war froh, dass mein Zimmergenosse nicht auch nur eine leere Hülle mit einem verwirrten Geist war, die wie die anderen durch die Flure der Psychiatrie wandeln. Ich weiß wie es ihr geht, vermutlich hätte ich wohl nach ihrer Nummer fragen sollen, denn ich fühlte mich weiterhin mit ihr verbunden. Wie zwei Schatten in der Nacht unsichtbar und doch vorhanden und eins. Aber der Doktor sagte, dass nach all dem hier das Gefängnis kommen würde.

Wehe, wenn auch da die Betten so knarzen.

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