Das Bonmot, die Philosophie sei nur ein Kommentar zu Platon, trifft in einem noch größeren Maß auf Aristoteles zu, obwohl die uns überlieferten Schriften von Aristoteles sehr viel sperriger zu lesen sind als die überlieferten Schriften von Platon, weil sie nicht zur Veröffentlichung gedacht waren. Nicht zu Unrecht wurde Aristoteles lange Zeit als „der Philosoph“ bewundert, aber auch wegen der Wirkungsmacht und der Fehlinterpretation einiger seiner Gedanken als System verachtet. Wolfgang Welsch analysiert in seinem Buch „Der Philosoph“ das prozesshafte Denken der aristotelischen Philosophie, einer Philosophie, die sich noch nicht von den Wissenschaften getrennt hat, einer Philosophie, die weit weg von schematischen Denken gerade die Vielfalt der Erkenntnisweisen der unterschiedlichen Bereiche betont. Gegen Platon arbeitet Aristoteles heraus, dass Mathematik nicht die Vorraussetzung für jegliches Wissen ist, eine Einsicht, die wir heute in einer durch und durch kalkulierten Welt verloren haben. Wolfgang Welsch macht deutlich, wie groß der aristotelische Einfluss auch noch in unserem heutigen Denken ist, ebenso deutlich wird aber auch, was uns von einem Denken trennt, in dem Rationalität noch nicht auf Zweckrationalität und selbst diese auf ökonomische Verwertbarkeit reduziert war. Erkenntnis um ihrer selbst Willen, also ohne irgendeinen praktischen Nutzen, galt für Aristoteles als die eigentliche Form der Erkenntnis, eine These, die heute kaum ein Philosoph zu vertreten wagt. Selbst die Künste verstehen sich nicht mehr als „interesseloses Wohlgefallen“ (Immanuel Kant), sondern müssen sich heute durch einen praktischen Bezug legitimieren und so ihren ökonomischen Nutzen aufzeigen. Paradoxerweise gibt es aber auch heute noch geachtete, gleichwohl kaum verstandene, aber sehr gut finanzierte Forschungsbereiche der Wissenschaft, die ohne erkennbaren praktischen Nutzen sind und somit eine Ahnung von dem, was einmal als Erkenntnis galt, aufheben: z.B. die Suche nach Elementarteilchen, eine Suche nach Erkenntnis, „die die Welt im Innersten zusammenhält“ (Johann Wolfgang von Goethe).
Das sehr gut lesbare Buch „Der Philosoph“ von Wolfgang Welsch ist daher nicht nur ein Buch über Aristoteles, sondern auch ein Buch über unsere Rationalität. Es befindet sich in der Zentralbibliothek unter der Signatur Lbn 1 Aristo Welsch und als eBook in der onlineBibliothek. (kh)

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